Studentenleben in den 70ern

Als ich 1978 nach Göttingen zog um dort ein Studium zu beginnen, war ich noch etwas unerfahrener als heute, was den Wohnungsmarkt anbelangt. Gar zu arglos und unbedarft verfolgte ich zunächst den Plan, mit einem Schulfreund eine WG zu gründen.

Es gab noch kein Internet, nicht einmal Faxgeräte. Das bedeutete, man musste samstags ziemlich früh morgens vor Ort sein, an einem Kiosk eine Lokalzeitung (damals wie heute das GT) kaufen und sich zum Anzeigenteil durchkämpfen, in dem es zu dieser Zeit auch Wohnungsangebote gab. Diese arbeitete man geflissentlich durch, markierte in Frage kommende und nahm dann, in der Regel telefonisch, Kontakt mit den Vermietern auf. Es gab auch Chiffre-Anzeigen, auf die man nur per Brief reagieren konnte. Und es gab Makler, die man anrufen oder an Werktagen aufsuchen konnte.

Das erste Problem war, dass wir, um rechtzeitig an einem Samstagmorgen in Göttingen sein zu können, von Hannover aus irgendwann mitten in der Nacht hätten losfahren müssen. Was aus verschiedenen Gründen nicht in Frage kam. Das nächste Problem war, dass, wenn wir gegen Mittag von einer Telefonzelle aus die Nummern abtelefonierten, die meisten Wohnungen bereits vergeben waren. Von den übrigen wollte kein Vermieter seine Wohnung 2 jungen Männern anvertrauen, weil die ja vermutlich entweder ständig Damenbesuch haben würden oder, was noch schlimmer wäre, Herrenbesuch. Was uns mehrmals nachgerade wörtlich so gesagt wurde.

Nach 4 Wochen gaben wir den Versuch auf. Der Semesterbeginn stand vor der Tür.

Ich bekam durch Vitamin B ein Zimmer zur Untermiete im Ostviertel, in der Grotefendstraße. Darüber war ich sehr froh, weil ich so einfach erstmal ein Bein in Göttingen hatte und mir dachte, dass ich von dort aus natürlich viel leichter nach einer geeigneten Wohnung für eine WG suchen konnte.

In der ersten Woche war ich zu Fuß unterwegs in der Stadt.

Zunächst stand ich in der Schlange, die einmal rund um den Wilhelmsplatz und noch weit bis in die Barfüßerstraße hinein reichte, um mich nach ein paar Stunden Wartens, bei dem schon erste Freundschaften geschlossen werden konnten, immatrikulieren und mein Studienbuch nebst zig Merkzetteln und Flugblättern in Empfang nehmen zu können. Wie streng das alles ablief! Flur und Treppenhaus vor dem Immatrikulationsbüro hingen voll mit Hinweisen, Verboten, Ermahnungen und Warnungen, was wann wie in welcher Reihenfolge unbedingt bzw. keinesfalls getan werden durfte, sollte und musste.

Umso erholsamer waren die Erstsemester-Veranstaltungen an meiner Fakultät, die neben weiterhin mehr als genug formalem Zeug auch mal die Dinge zur Sprache brachten, um deretwillen ich schließlich studieren wollte: wann die erste Party stattfand, welche Kneipen und Discos zu empfehlen waren – und: dass die Teilnahme an Lehrveranstaltungen natürlich freiwillig geschah. Freiheit der Lehre! Erleichtert nahm ich das zur Kenntnis und – vielleicht zu wörtlich, zunächst.

Die Grunddisziplinen meines Fachbereichs boten ihre Einführungsveranstaltungen alle nachmittags oder abends an, was meinem Lebensrhytmus sehr entgegen kam. So konnte ich gut die Vormittags verschlafen, um abends das Göttinger Nachtleben gründlich zu studieren.

Ab der zweiten Woche war ich mit meinem Dreigang-Rad auch deutlich mobiler. Ich erinnere mich jedoch gut, wie steil die Grotefendstraße wurde, wenn ich nachts nach ein paar Bier und reichlich Zigaretten aus dem Trou, dem Altdeutschen oder dem Omega dort hinauf radelte. Und wie endlos diese Steigung sich anfühlte! Endlich im Flur zu meinem Untermiet-Zimmer angekommen, musste ich immer furchtbar husten. Das hallte dort grausam und weckte gefühlt den ganzen Stadtteil. Ich war jedes Mal voll des schlechten Gewissens – und sehr froh, dass sich niemand je wirklich darüber beschwerte. Meine Vermieter, ein altes Professoren-Paar, waren vermutlich schwerhörig genug und mein Zimmernachbar selbst nachtaktiv.

Zum Frühstück kaufte ich regelmäßig im Edeka in der Ewaldstraße ein Glas Nescafé Mokka und Nutella, dazu abgepacktes Brot. Da gab es einige Sorten mit Körnern, schön dünn geschnitten. Das mochte ich gern. Ach ja, und Margarine.
Ein paar Schritte weiter, Ecke Am Kreuze, gab es eine kleine Postfiliale, wo ich von meinem Postscheckkonto Geld abheben konnte. Dafür musste ich mir selbst Schecks ausstellen, die ich in meinem Zimmer sorgsam vewahrte. Für Überweisungen oder Einzahlungen aufs Konto hatte ich entsprechende Formularblöcke zuhause. Alles in allem ein kleines Postamt daheim, nur entsprechende Stempel fehlten noch. Geldautomaten gab es noch nicht. Und wenn, hätte ich sie nicht nutzen wollen. Die persönliche Begegnung mit dem Postbeamten von Angesicht zu Angesicht am Schalter gehörte unbedingt dazu.

Mittags frühstückte ich in der Regel zu erst. Wenn ich aus besonderem Anlass oder aus Versehen schon einmal vormittags auf den Beinen war, dann ging ich zum Mittagessen in die Zentralmensa. Schon das Schlangestehen war dort spannend. Nicht nur wegen der endlosen Büchertische von KBW, DKP, KPD-ML oder all den anderen K-Gruppen, die dort wohnten, sondern auch wegen der vielen jungen Frauen und Männer, die am Rande der Schlange darauf warteten, uns mit den aktuellsten Flugblättern zu versorgen. Von denen die meisten später im Essenssaal auf den Tischen liegen blieben.

Am meisten eingenommen haben mich in Göttingen nicht die Fachwerkhäuser, obwohl ich die sofort nett fand, sondern der Wall und das vor allem bei Schnee. Ich war echt verzückt, dass es mitten in der Stadt verschneite Wege gab, die zusammen mit den verschneiten Dächern eine tiefromantische Atmosphäre schufen. Das kannte ich aus meiner Heimatstadt so nicht.

Mobilitätswände jetzt!

Leute, denkt doch auch mal an die armen Autos!

Mobilitätswände kann doch nur heißen: mehr und besserer Lebensraum und -qualität für Autos! Menschen wohnen ja schließlich schon in Häusern, aber die meisten Autos haben kein Dach überm Kopf!

Einfach nur Elektro statt Benzin löst weder Parkplatznot noch Auto-Obdachlosigkeit – im Gegenteil.

Die Einsamkeit im Parkhaus

Parkraum-Bewirtschaftung fördert nicht in ausreichendem Umfang die artgerechte Versorgung von Autos mit dem für sie Notwendigsten. Die paar Stromzapfanlagen dienen der inkompetenten Verkehrtpolitik nur als Feigenblatt.

Die bisher favorisierten Stundenhotels oder Sammelunterkünfte für Autos sind nicht zukunftsfähig Zu sehr leisten sie nur der Vereinsamung Vorschub.

All das – darf so nicht weitergehen! 

Automobile wehrt euch!

Baut mehr Garagen! Mobilitätswände überall und sofort!

Whynachten

Eigentlich gibt es so viel mehr zu betrauern als zu feiern.
Was ist der tiefere Sinn dieser besinnlichen Tage?

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Allein auf weiter Flur

Allein auf weiter Flur stand er da einen erstaunlich langen Augenblick und guckte mich an. Das war ein erhebender Augenblick.
Wie selten solche Begegnungen geworden sind, spricht Bände.

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Whynachzmarkt

Nach den grässlichen Corona-Jahren darf endlich wieder Glühwurst und CurryWein genossen werden.
Gebt ihnen das Leben in Fülle, dass sie sich verdient haben!

Berliner Morgenlauf

So hart wie in diesem Bett habe ich lange nicht geschlafen. In Einrichtung oder gar Komfort investiert das Hotel nicht. Das Gute daran ist, dass es sich nicht verändert, nicht schick saniert wird – und seinen Charme behält.
Fahles Licht scheint in das karg möblierte Zimmer, als mich heimkehrende Gäste, die laut palavernd den Flur entlang poltern, aufwecken. Ein Blick hinab in den Hof und hinauf zum Himmel: es regnet nicht. Mechanisch streife ich mir die Funktionsklamotten über, Schuhe an und die Laufuhr natürlich, das wichtigste Utensil.
Locker trabe ich ein paar Treppen hinab, durch eine schwere Eisentür und lange Flure nach draußen. Zwischen den Häusern hängt die Luft grau und feucht.

Entlang der Schlesischen Straße zieht sich eine endlose Autoschlange, unausgeschlafen wirkende Menschen hasten mir auf dem Trottoir entgegen. Mein Kopf findet es kalt, aber mit Mütze ist es zu warm.

Ich kann mich noch nicht entscheiden, wo ich lang laufen möchte. Zuerst überquere ich die Oberbaumbrücke, hüpfe an der Kreuzung zur Stralauer Allee nach links und rechts, weil die Ampel rot ist. Kaum auf der anderen Straßenseite fällt mir ein, dass ich ja gern an der Spree, am ehemaligen Osthafen entlang wollte. Also zurück über die heftig befahrene Kreuzung und eine Lücke in den Zäunen suchen, die das Ufer säumen. Warum ist da alles so abgesperrt? Ich dachte, das sei öffentlicher Grund.

Kaum habe ich die Spree erreicht, verstellt mir auch schon der nächste Zaun den Weg: ein privates Weihnachtsmarktgelände reicht hier bis ans Ufer. Mir bleibt nichts übrig als zur Straße zurück abzubiegen. Was für eine abweisende Gegend! Das hatte ich mir anders vorgestellt.

Über die Vorplätze der phantasiebefreiten Betonklötze von Medienfirmen, Hotels oder einem Limonadenhersteller geht es weiter nach Osten, bis ich wieder direkt ans Ufer kann, um dort endlich freien Blick zu haben. Dort kann ich entspannt laufen, sogar bis fast zur Elsenbrücke. Um da hinauf zu gelangen, gilt es erneut eine Kreuzung zu überqueren, die wegen einer unübersichtlichen Baustelle für Menschen zu Fuß kaum geeignet erscheint. Auf der gesamten Brücke nur brüllender Verkehr. Und hinter der Brücke. Weiter von Kreuzung zu Kreuzung.
Der Gestank von Dieseldunst, das Getöse der Motore – die Blechlawine. Falsche Zeit, falscher Ort.

Der Kilometer bis zum Damm der ehemaligen Görlitzer Bahn dehnt die physikalischen Gesetze deutlich über Gebühr. Mir ist nach Husten zumute. Und dann auf dem Damm: plötzlich Ruhe. Eine Oase der Entspannung. Auch später am Kanal fühlt es sich gut an. Der Untergrund ist weich, ein paar Enten schnattern, Hunde pinkeln in Büsche, Krähen bedienen sich an überquellenden Mülleimern. Die Dealer im Görlitzer Park stehen in Grüppchen beieinander. Ich frage mich, ob sie schon wieder oder immer noch dort stehen. Einer tritt hastig in die Pedale eines viel zu kleinen Fahrrads, um seinen Kollegen etwas lecker Duftendes vom Bäcker zu bringen. Ich begegne einem anderen Jogger, der kurz aufblickt.

Ich mag es, wie hier die Lebensformen aufeinander treffen, fühle mich angespannt geborgen, wohlig gegruselt und könnte die Wege unter den mickrigen Bäumen immer hin und her laufen. Mehr aber noch zieht es mich in die Straßen des Wrangel-Kiez, der gerade morgens von seinen Bewohnern bevölkert ist und nicht von Touristen. Als einer, der seit Jahrzehnten immer wieder dorthin reist, fühle ich mich verbunden mit diesem Viertel und seinen Menschen: zu jeder Zeit gern tauche ich ein in diese bekannte und freundliche Welt. Als sei sie meine.

Wohnungsbau in der „neuen Mitte“

Göttingen erlaubt es sich, mitten in der Stadt ein großes Stück des völlig intakten ehemaligen Gothaer Areals an der Geismar-Landstraße abzureißen, um mit weit größerem Platzverbrauch und viel mehr Flächenversiegelung neue Betonburgen errichten zu lassen.
Nachhaltigkeit, klimaschonendes Bauen, lebenswerter Wohnraum oder gar Verkehrsvermeidung sind hier weder für die Mehrheit im Stadtrat (SPD, CDU, FDP) noch erst recht für die Stadtverwaltung relevant. Investorengerechtigkeit allein zählt.

Siehe auch https://stadtentwicklunggoettingen.wordpress.com/2021/09/20/neue-wohnquartiere-gothaer-park/.

Ähnliche Pläne gibt es für das sogenannte Grotefend-Areal am Weender Tor und das ehemalige Postgebäude neben dem Bahnhof. Allen Plänen gemein ist ihr Entstehen unter strikter Nichtbeteiligung und Ausschluss der Öffentlichkeit – entgegen vorherigen anderweitigen Zusagen.

Wenn dem Volk die schicken Betonbunker nicht gefallen, sollen sie doch in eine Villa im Ostviertel ziehen!