Mir gegenüber sitzt ein dunkelhaariger und auch sonst recht haariger, drahtiger Hüne. Mit stoischer Gründlichkeit liest er eine “FAZ” von vorn bis hinten durch, als sei er von einem krankhaften Drang getrieben, sie sich regelrecht einzuverleiben. Immer wieder streift er mit dem ausladenden Papier meine Beine, ja überdeckt damit die rechte Seite des Buches, in dem ich gerade zu lesen versuche.
Ungerührt.

Ein wenig später arbeitet er akribisch, strategisch und endgültig die Wohnungsanzeigen durch. Keine bleibt ungeprüft. Die interessanten umkreist er mit Kuli und markiert sie überdies mit einem gelben Marker. Alle andern streicht er mit ausladender, ja vernichtender Geste durch. Er radiert sie aus. Auch ohne Radiergummi.

Seine Oberlippe schürzt er in charakteristischer Manier, schiebt sie angriffslustig über die Unterlippe.

Nach kurzer Zeit gleichen die Anzeigenseiten einer Art surrealem Architektur-Schnittmuster.

Jetzt hat er die Schnürbänder der mittelbraunen Schuhe (ca. Größe 48) geöffnet, seine knapp zwei Meter langen Beine locker übereinander geschlagen. In der Brusttasche der ebenfalls mittelbraunen Lederweste stecken (gerade so sichtbar) ein Handy mit erigiertem Antennenschniepel (Marke Siemens), ein mit einem Schlüsselanhänger-Taschenmesser sorgsam ausgeschnittenes Stück “FAZ” und ein paar eng zusammengefalzte Karopapier-Seiten.

Fast wie natürlich ziert sein linkes Handgelenk ein titanfarbener Chronometer mit 6 voneinander unabhängig oder kombiniert nutzbaren Druckknöpfen. Schon durch die betonte Lässigkeit, mit der ihn der Mann trägt, vermittelt er eine knappe Vorstellung von dem kleinen Vermögen, das zu seinem Erwerb verschoben werden mußte.

Manche Menschen sind gleicher als andere.
Andere sind wichtiger.

Neben ihm eigentlich unsichtbar kuschelt sich eine Mädchen gebliebene junge Frau seitlich in den Sitz. Ihre von dicken Brillengläsern nur mühsam in Form gehaltenen Augen hält sie an einen beigen, schlabbrigen, unförmigen – einfach etwas zu lange und ausgiebig benutzten – Teddy gedrückt.
Gut, daß sie eigentlich unsichtbar ist, denke ich. Wenn sie sichtbar wäre, müßte sie etwas tun.

An der Gangtür ein Vertretertyp mit glänzendem Polyethylen-Anzug – in einem Grau, das bei der ICE-typischen Innenbeleuchtung einen dezenten Klo-Grün-Schimmer reflektiert. Zwei Finger stützen seine Schläfen, darüber eine schmierige und glitschige Tolle, gescheitelt und irgendwie seltsam brav. Vielleicht fährt er zur Konfirmation seiner Cousine. Oder zu seinem Examen?
Auch er im Grunde unsichtbar. Säße ich nicht im selben Abteil mit ihm und wäre nicht auf diese hanebüchene Idee gekommen, meine Eindrücke aufzuschreiben – niemals wäre ich auf ihn aufmerksam geworden.

Der Hüne, der mit der raumgreifenden Art, zuckt gern mit seinen buschig bedrohlich lächerlichen Augenbrauen, daß mir ganz schwindlig wird. Henkersgleich schwingt er von weit oben zwischen Daumen und Zeigefinger den Kuli (übrigens kein Markengerät, sondern ein schlichtes NoName-Produkt, das er wahrscheinlich der Fahrkartenausgabe stibitzt hat…) – – – streicht, hebt hervor, veredelt und vernichtet. Kein unbefugter i-Punkt entgeht der Vollstreckung.

Unter der inzwischen, wahrscheinlich in Folge meiner wütenden Blicke, geviertelten Zeitung hortet er, wie mir gerade auffällt, noch einen Stapel von etwa 35 Fotokopien, lose, diese auf einer mittelbraunen Ledermappe, die er etwa alle 28 Sekunden von einem Schenkel auf den andern schiebt.

Könnte ich nicht simultan niederschreiben, welcher Art ich wahrzunehmen gezwungen bin, ich wäre schon längst nur noch ein zuckendes Bündel.
Andererseits: ohne ihn würde diese Fahrt schon beim Aussteigen dem Vergessen anheim fallen.

Da! Die Kleine, das Mädchen, die junge Frau! Etwas geschieht! Kurz hebt sie den Kopf, ein Blick hinaus. Beruhigt, vergewissert: ach – erst Kassel.
Ach! Leider nicht mehr! Das war’s schon.
Das von einem schwarzen Band nachlässig zusammengehaltene Blondhaar darf wieder an den schmuddligen Teddy sich schmiegen, ihre Augäpfel rollen, die Radreifen des ICE auch.

Gleich Göttingen. Gleich zuhause.

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