Tischgemeinschaft als Lockdown-Bewältigung

Seit Monaten finden wir uns immer wieder am Wohnzimmertisch ein, meine Tochter und ich, bewohnen jede eine Tischseite. Zum Essen notwendige Utensilien bleiben liegen neben Handy, Tablet, Ladegeräten, ungeöffneten Briefen von Spendenerbittern oder der Krankenkasse. Auf der Bank am Tisch stapeln sich ausgemusterte Gegenstände, die ich gerade bei ebay Kleinanzeigen zu verkaufen versuche. Ein Glockenspiel, ein altes Tablet…

Statt dass wir in unseren eigenen Zimmern sitzen, wo sie ihre Staffelei, Farben und Pinsel hat, ich meinen Schreibtisch mit Computer drunter und Boxen obendrauf – aber wir jeweils allein wären, finden wir uns lieber zusammen, machen beide unser Ding und gucken uns gelegentlich über den Rand unserer Devices an, reglos, sorgenvoll oder lächelnd oder auch nicht.

Perspektiven entwickeln

Hin und wieder entstehen Gespräche. “Und? Was ist heute so dein Plan?” – “Och, weiß noch nicht. Nichts besonderes.”
Wenn es sein muss, planen wir, was es abends zu Essen geben soll. Immer wieder diskutieren wir darüber, was Corona in unserem Leben anrichtet. Genauer gesagt die Maßnahmen der Regierung(en). Ich versuche mindestens einmal täglich sie zu ermutigen. Dass der Lockdown irgendwann vorbei sein und das Leben sich wieder normalisieren wird.

Die Perspektive ist für junge Menschen, die das Abi hinter sich und eine weitere Ausbildung vor sich haben, gelinde gesagt schwierig. Beratungsgespräche zur Wahl eines Studiums sind unter Lockdown-Bedingungen (online oder telefonisch) noch mühsamer als ohnehin schon. Ihr großer Traum war seit Jahren nach dem Abi erst einmal auf große Reise zu gehen. Südostasien, Neuseeland, Südamerika. Corona hatte schon das Abi selbst versaut, alles drum herum und danach erst recht.

Meinen Rat die großen Ziele einfach erstmal ruhen zu lassen und mit kleineren näher liegenden anzufangen hat sie letzten Herbst gern aufgegriffen und ist durch Portugal, Spanien und auf die Kanaren gereist – exakt so abgepasst, dass sie vor der zweiten Welle in Spanien nach Hause zurück kam, wo sie eines Abends überraschend vor der Gartentür stand. Drei Monate ist sie unterwegs gewesen und hat tolle Sachen erlebt, Traumlandschaften gesehen und liebenswerte Menschen kennengelernt.

Seit ihrer Rückkehr ist der Wohnzimmertisch Planungszentrum für alle neuen Aktionen. Sie hat sich schnell und zielsicher einen Job bei Rewe besorgt, wo sie täglich ein paar Stunden Regale einräumt. Das gibt ihrem Tag ein wenig Struktur und bringt ein bisschen Geld ein.

Etwas Sinnvolles finden

Oft und aufwühlend haben wir beraten und gestritten, ob es nicht auch möglich sein müsste, sinnvolle Perspektiven für die nächste Zeit zu entwickeln. Nicht nur auf die nächste Reisemöglichkeit zu warten, sondern sich irgendwo zu engagieren, zu informieren wenigstens oder etwas auszuprobieren. Sie hat sich daraufhin nach Praktikumsmöglichkeiten umgeschaut, sich mit viel Aufwand beworben, aber letztlich nur Ablehnungen bekommen. Praktika können unter Lockdown-Bedingungen vielleicht auch nicht sinnvoll funktionieren.

Wie wäre es sich stattdessen irgendwo in der Welt für soziale oder ökologische Projekte zu engagieren? Haben Sie das schon einmal probiert? Tatsächlich ist das viel schwieriger, als man denkt. Zumindest ohne Ausbildung. Die meisten Angebote in dieser Richtung erwarten von den Volunteers, dass die jungen Leute selbst dafür zahlen, dass sie arbeiten dürfen. 2 Wochen arbeiten dürfen = 2000 €. Nicht Lohn, sondern Kosten. Abgesehen von der Frage, wer wohl so viel Idealismus (oder äh…?) aufbringt, frage ich mich, wer letztlich daran verdient.

Mir selbst hatte ich auch erträumt, reisen zu können: Städtetouren zu machen wenigstens, eigentlich aber auch erneut Expeditionen nach Vietnam, Cuba oder in die USA zu unternehmen. Stattdessen mache ich seit einem Jahr vor allem Spaziergänge. An guten Tagen bis zu 15 Kilometer. Der Hund wirkt oft schon ganz gestresst, weil ich schon wieder mit ihm raus will. Und ist stets aufs Neue froh, wenn ich wieder am Tisch sitze, in mein Tablet starre oder über dessen Rand blinzele, den Instagram-Feed durchwische oder die Tochter frage, welche Serie sie gerade binget.

Nachrichten und dann?

Nachrichten ertragen wir beide nicht mehr, vor allem nicht die schon viel zu lange ewig gleichen Wasserstandsmeldungen der tagesschau. Oder die mahnend erhobenen Zeigefinger von Virologen oder Regierungsfuzzis. Es geht nicht darum, dass wir coronamüde sind (wer ist das nicht!), sondern darum, dass die meiste „Berichterstattung“ sehr einseitig immer dieselben Zahlen präsentiert, die fast nie in Relation zu „normalen“ Krankheits- und Sterbezahlen gesetzt werden. Das Land, die Welt im permanenten Krisenmodus. Und es geht natürlich darum, dass den zuständigen Organen seit Monaten nichts Neues mehr einfällt und sie ihre ohnehin schon armseligen Pläne nicht umgesetzt bekommen, sondern sich in Skandale verwickeln. Das wäre für sich schon Thema für eine ganze Serie von Blog-Artikeln.

Abends glotzen wir neben Serien (düster, verstörend und mit anschwellender Spannung) gern die Satireshows, die offenbar in der Pandemie die Aufgabe seriöser Berichterstattung übernommen haben – und auf die letztlich dieselben Kriterien wie auf die Serien zutreffen. Insbesondere der eigentlich ewig gestrige Sender ZDF hat da ein paar Formate entwickelt, von denen sich Tagesschau und Konsorten mal ne ordentliche Scheibe abschneiden sollten. Was wären wir ohne die Anstalt, heute-show oder ZDF-Magazin Royal?!

Spätestens am späten Vormittag des folgenden Tages sitzen wir dann wieder am Wohnzimmertisch.
So vergeht Tag um Tag und es ist uns längst klar, der Lockdown bleibt fürwahr immerdar.

Vorstadt-Abenteuer im Lockdown

Ich sitze am Fenster und starre – wie seit Monaten immer öfter – etwas dösig in den Garten. Alles wie immer. Naja fast. Letzte Woche haben da doch tatsächlich Gärtner die Hecke zum Nachbarn hin geschnitten. Gerade noch rechtzeitig Ende Februar. Danach ist das wegen Brutzeit der Vögel nicht mehr erlaubt. Zwei Männer mit schwerem Gerät haben da einige Stunden für Action und ordentlich Lärm gesorgt. Die Hecke ist jetzt richtig viel niedriger und schmaler. Bin mir immer noch nicht sicher, ob mir das gefällt.

Spannung mit Vögeln

Den Vögeln zuliebe habe ich in den Garten ein Vogelfuttersilo aufgehängt. An einem Metallstab. Darunter noch ein Wasserbecken aufgestellt. In meiner Freizeit kann ich nun beobachten, wie die Spatzen aus der Hecke da heran fliegen, sich ein Korn picken und wieder zurück flattern. Andere lauern schon in der Hecke, um es ihnen gleich zu tun. Sowohl vom Wohnzimmer als auch von der Küche aus habe ich ideale Beobachtungspositionen.

Von einem Busch auf der gegenüberliegenden Seite des Gartens kommt jetzt im Wellenflug eine Kohlmeise, eine halbe Stunde später vom Dach im unteren Stichweg eine Taube, im Verlauf des Nachmittag aus der Tanne eine Elster und noch eine weitere war auch plötzlich da. Letzten Dienstag aber – mein Herz blieb echt einen Moment stehen, sitzt da plötzlich ein Star. Auf dem Rand des Futtersilos! Reglos scheinbar. Sitzt da einfach und scheint zu überlegen, ob diese Körner wohl schmecken, wie sie ihm bekommen und – dann fliegt er einfach wieder weg. Ohne nur probiert zu haben!

Weiter atmen, denke ich. Dachte ich. So schnell immer vorbei diese Momente. Dann passiert wieder stunden- nein tagelang – nichts. Der Stress hält sich in engen Grenzen. Man calmt ganz gut down.

Nachtleben

Neulich aber wache ich nachts von lautem Klopfen auf. Irgendwo draußen. Richtung erstmal undefinierbar. Sofort denke ich an Einbrecher in einem Nachbarhaus. Da wird ja bestimmt Frau M gleich zur Stelle sein um nach dem Rechten zu sehen, hoffe ich, noch gar nicht richtig wach. Es klopft weiter, ich richte mich auf im Bett und überlege, ob ich aus dem Fenster gucken sollte. Da plötzlich: aufgeregte Stimmen dazu. Die von Frau M meine ich deutlich heraus zu hören. Dieser unverwechselbare Tonfall! Ich muss jetzt aufstehen. Atemlos robbe ich ans Fenster. Halb hockend halb kniend drücke ich die Nase an die Scheibe, lasse den Blick schweifen. Es ist aber nichts zu erkennen. Einfach zu dunkel da draußen. Keine Bewegung. Und nun auch wieder Stille. Kein Blaulicht, keine Schüsse. Zu blöd!
Als nach einer Viertelstunde noch immer nichts zu hören oder sehen ist und mich das Kribbeln meiner eingeschlafenen Beine kirre macht, quäle ich mich in die Senkrechte, hüpfe solange, bis die Beine wieder wach sind, und steige zurück ins Bett. Wenn ich jetzt nur einschlafen könnte. Also ich, nicht die Beine! Aber denkste. Die Aufregung hält mich wach, bis der erste Lichtschimmer am Horizont graut.
Nur gut, dass meine wichtigste Verpflichtung für den folgenden Tag der Hundespaziergang am Nachmittag ist. Bis dahin bin ich soweit wieder auf dem Damm.

Ermittlungstätigkeit

Tage später muss ich ein Gespräch über die Hecke mit anhören. Nachbarin M zu Nachbarin P. Es klärt, dass in der fraglichen Nacht ein Marder offenbar die Kaninchen von Familie T lecker fand und sich mit ihnen zum Essen verabreden wollte. Die Kaninchen klopften vor lauter Aufregung mit ihren Füßchen auf den Käfigboden. Das war, wovon ich wach geworden war. Und die Nachbarinnen auch. Frau M war es dank ihrer Stimmgewalt gelungen den Marder in die Flucht zu schlagen. Nachträgliches Aufatmen. Allerseits gewissermaßen.

Während ich diese Informationen noch verarbeite (doch etwas viel auf einmal!), schießt unser Hund aus dem Wohnzimmer hinaus über die Treppe in den Garten runter und rast zum Zaun, wo gerade die possierlichen reinweißen Schoßhunde von Frau M angekommen sind und wild und in höchster Tonlage unseren Zaun und unseren Hund ankläffen. Eine Aufregung! Wenn jetzt der Zaun nicht wäre!

Zum Glück ist er aber da. Und auch die dichte Hecke. Man gut so.

Auf Beobachtungsposten

Ich brauche dringend etwas Ruhe. So viel ist hier schon lange nicht mehr passiert. Aus der Küche hole ich mir eine Tasse Salbeitee und erklimme damit das obere Stockwerk unseres Häuschens, wo ich mich ans dortige Fenster setze und zur anderen Seite rausgucke. Der Tee ist etwas zu heiß, so dass ich mir die Zunge leicht verbrenne. Leise fluche ich vor mich hin. Ich blicke in die umliegenden Gärten und konstatiere, dass sich dort nichts geändert hat. Alles wie immer. Das beruhigt mich allmählich.

Glauben Sie nur nicht, dass diese Ruhe angehalten hätte! Schon zwei Wochen später hat sich doch tatsächlich die ganze Familie T plötzlich auf ihrem Balkon eingefunden. In der lausigen Kälte! Stehen da am Geländer und machen – wer weiß was! Ich kann es nicht genau erkennen. Das haben sie jedenfalls noch nie gemacht. Ohne ersichtlichen Grund sind die da, wie es aussieht. Ich bin ganz aus dem Häuschen, hole schnell meinen Feldstecher aus dem Nachtschrank und unterziehe dieses Ereignis einer peniblen Untersuchung. Damit bin ich noch nicht ganz fertig, als sich das Geschehen auch schon wieder in Wohlgefallen auflöst. Die Ts sind im Haus verschwunden, der Balkon vakant. War es vielleicht doch nur eine Erscheinung?

Das Leben in unserem Stadtteil ist ja generell eher reizend, insofern nicht direkt Allergiker-geeignet. Trotzdem kann es schon passieren, dass bei sieben Spaziergängen mit dem Hund binnen drei Tagen einfach nichts passiert, was sich der eignen Wahrnehmung aufdrängen würde. Dienstags stehen schon mal gelbe Säcke an den Laternenpfählen, aber das ist dann auch schon das Highlight der Woche.

Der neueste Scheiß

Umso erstaunter und neugieriger werde ich, wie ich bemerke, dass der Audi von Fs einen Montag plötzlich entgegen der Fahrtrichtung geparkt ist! Ich glaube wohl! Und nicht nur das: der Opel von Zs zeigte ihm die kalte Schnauze – direkt von vorn. Das kann ja wohl nicht wahr sein!

Von dieser Ungeheuerlichkeit aufgestachelt, wage ich mich tiefer in den Garagenhof daneben, um festzustellen, dass vom Tor von Garage 73 ein neues Stückchen eierschalenfarbener Lack abgeplatzt ist und einer hübschen rostigen Delle zu mehr Aufmerksamkeit verhilft. Wie schön! denke ich unwillkürlich. Schnell die Kamera gezückt und ein feines Fotto für Instagram gemacht! OMG! This made my day. 😍

Dass die jüngere Tochter von Familie C jetzt auch einen Hund hat, der auf den Namen Early hört, ist dagegen ja schon fast nur Dorftratsch. Aber insofern doch wieder erwähnenswert, als mir Earlylein mitsamt Frauchen auf meinen einsamen Abendrunden nun schon einige Male begegnet ist – und wir dann ein Stück gemeinsamen Weges hatten. Was irgendwie nett ist.

Ach ja.

Corpora delicti

Diese Graffiti zieren seit einiger Zeit (seit Monaten?!) eine ansonsten unscheinbare, um nicht zu sagen häßliche Betonwand an der Rückseite eines Parkplatzes mitten in Göttingen.
Hätte nicht das GT darüber berichtet, sie wären mir nie aufgefallen, weil man sie von der Straße aus nicht sieht. Da aber der Staatsschutz (!) hier ermittelt, erschienen nun schon mehrere Artikel im Lokalblatt zu diesem Vergehen im öffentlichen Raum.

Die Graffiti beziehen politisch Stellung zu Flüchtlingslagern, zu Sexismus und zu systematischer Gewalt.
Die Frage, ob das Kunst sei oder wegkönne, ist inzwischen so abgedroschen, dass sie schon peinlich rüberkommt, insbesondere angesichts solcher herausragenden Arbeiten, die alles andere als banal sind, deren Statements man aber eben auch nicht mit einem Achselzucken abtun kann. Womöglich nötigen sie der Betrachter*in den einen oder anderen Gedanken ab.
Aus meiner Sicht handelt es sich ganz klar um eine Aufforderung: Denk mal!

[Edit am 18.02.21]
Das Göttinger Tageblatt titelt (Verlinkung nur als Beleg – ohne Abo ist der Artikel leider nicht abrufbar), dass der OB seine Anzeige wegen Sachbeschädigung nicht zurückziehen wolle. Denn der Satz “Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Farbanschlag” sei möglicherweise ein Aufruf zur Gewalt.

Es sind solche Reaktionen und Verhaltensmuster, die in mir stets neu die Frage hochkommen lassen, ob Göttingen wirklich meine Stadt ist.

Am Ende einer Winterwoche

Eine gute Woche allerschönsten Winterwetters ist vorbei. Selten, möglicherweise nie zuvor habe ich Schnee und beißende Kälte so ausgiebig genossen wie in diesen Tagen. Dabei bin ich weder Schlitten noch Ski gefahren, sondern einfach nur mit offenen Augen durch‘s Dorf und über‘s Feld spaziert, jeden Tag gut 10 km.

Lauftagebuch

Liebes Tageblog, heute bin ich zum ersten Mal in diesem Jahr wieder gelaufen. Endlich! Trotz der langen Pause ging es ziemlich gut gar nicht mal so schlecht. 5 km mit nur 1 Gehpause und das in 32:30. Da war ich zufrieden mit.
Getraut habe ich mich ausgerechnet heute, weil es weder regnete, noch schneite, noch glatt war – und auch nicht stürmte.
Alles Ausreden, die ich früher nie hätte gelten lassen. Aber seit mein Knie begonnen hat Zicken zu machen bzw. mir das Laufen irgendwie übelzunehmen, indem es einfach mal wehtut, nehme ich auch gern Ausreden, die eigentlich, naja – Sie wissen schon.

Vor allem aber hatte ich heute Termin beim Orthopäden. Und ehe ich da nun hingekommen wäre mit “eigentlich habe ich ja Knie, nur heute gerade nicht – tja, Vorführeffekt, mh blöd, aber wie gesagt: sonst tut es immer weh…” – deswegen dachte ich, laufe ich mal lieber, dann wird es schon.

Es wurde auch. Der Orthopäde war zufrieden, attestierte meiner Beinmuskulatur “hohes Niveau” (ich wuchs unmittelbar mindestens 3 Zentimeter!) und empfahl mir eine Eigenblutbehandlung. Die aber eigentlich jetzt nicht nötig sei, weil ja eigentlich nichts schlimmes ist: Altersentsprechende Abnutzungserscheinung, eher weniger, als meinem Alter entsprechen würde. Dazu verständnisvolle Blicke, die keinesfalls meinten, ich solle mich mal nicht so anstellen.

Also wird es jetzt wieder deutlich schwieriger werden, Ausreden zu finden.

Corona-Tagebuch

Vielleicht klingt das völlig verrückt, doch statt mich so viel mit coronösen Dingen auseinanderzusetzen, wie uns die Nachrichten offenbar gern nötigen würden, verdränge ich lieber soviel davon wie möglich. Verdrängen heißt nicht Leugnen. Nur: mich nicht kirre machen lassen. Auch als Radfahrer begebe ich mich täglich in Lebensgefahr. Überhaupt im Straßenverkehr. Auch im Leben selbst.
Aber – ich will gar nicht tiefer in diese bodenlose Thematik.

Nur soviel: unsere Situation perpetuiert sich. Der scheinbar ewige Lockdown lässt das Gefühl für Zeit verloren gehen. Ich weiß das Datum nicht mehr. Nur noch manchmal den Wochentag. Mein Sohn, der seit Wochen bei uns wohnt, weil er an seinem Studienorte vereinsamt, ist nur noch melancholisch drauf. Meine Tochter, die vom großen Reisen nach dem Abitur (2020) geträumt hat, noch mehr. Wir Eltern werden immer stiller. Wir alle kommunizieren immer weniger, weil es auch immer weniger zu sagen gibt. Oder weil es irgendwie immer mehr schmerzt.
Die Verdrängung führt zu Verspannungen: Schultern, Kreuz, Knie. Chronisch. Der Besuch bei der Physiotherapeutin ist schon zu lange das Highlight der Woche.
Trockene Augen vom fast ununterbrochenen Starren auf Displays. Abends immer wieder Versuche, uns zu dritt oder viert auf einen Film oder eine Serie zu einigen, die wir alle irgendwie mögen könnten. Um etwas gemeinsam zu erleben. Während des TV-Konsums in kurzen Abständen auf dem kleinen persönlichen Display checken, ob es bei Instagram neue Likes gibt oder auf dem Messenger etwas, worauf man antworten kann / muss / darf.

Und dabei gehts uns ja gut. Ich darf echt nicht klagen.
Nur ein bisschen konstatieren und dabei lamentieren (ist das dann konsternieren?) muss gerade mal sein.

Was mir indes noch echt wichtig ist: wir haben alle dieses Problem. Worldwide. Ganz sicher in sehr unterschiedlicher Ausprägung und mit extrem unterschiedlichen Begleitumständen. Gerade deswegen sind mehr denn je Mitmenschlichkeit und Solidarität mit allen, denen es schlechter geht, eine ziemlich gute Idee.

last shopping for Xmas (and the year)

Schon der Lockdown light, den wir seit November erlebten, machte die Tage gleichförmiger. Die Zeit fühlte sich anders an: nicht langweiliger, aber schwieriger. So vieles ging bereits nicht. Außerdem nagte – neben allem Genervtsein durch Corona und die Maßnahmen zum Schutz dagegen – eine wachsende Unsicherheit an der Laune.
Die Tagesschau bringt seit Monaten jeden Tag aufs Neue bei 10 Meldungen 7 zu Corona und 3 zur Bundesliga. Meine persönlichen Prioritäten sind ganz klar komplett anders.

Gern wüsste ich viel regelmäßiger, ausführlicher und ehrlicher,
– was unsere Politiker unter dem Deckmantel der Pandemie verabreden und in die Wege leiten
– wie Europa sich intern und an seinen Außengrenzen weiterzuentwickeln gedenkt
– wie die US-Amerikaner mit dem Verhalten ihres Noch-Präsidenten umgehen – bzw. wie sie das ertragen (ich schlafe schon seit Wochen schlecht deswegen)
– was unsere Kultusminister und Schulbehörden eigentlich tun, um den Schulbetrieb für Lernend*innen und Lehrend*innen erträglich und sinnvoll zu ermöglichen
– und ich merke schon, das wäre jetzt ein eigener Artikel. Mindestens!

Nun steht uns erneut eine noch härtere Zeit bevor. Kein Shoppen mehr, noch weniger Kontaktmöglichkeiten. Vermutlich noch eindimensionalere Nachrichten als bisher.
Wie schön, dass die Lockdown-Ankündigung noch zwei Tage Vorbereitung ließ und also der letzte Shopping-Tag vor Weihnachten – und dieses Jahres! – noch mal ausgiebig begangen werden konnte.

Zwar durfte auch der Weihnachtsmarkt dieses Jahr nur in einer Art Lite-Version stattfinden, aber für anheimelnde Lichtstimmung war allemal gut gesorgt. Die Atmosphäre war gestern, am allerletzten Abend, erstaunlich entspannt. Ich hatte den Eindruck, alle Menschen genossen es ganz besonders.

Ich auch.

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Bemerkenswerte Ecken in Geismar

Eine kleine Samstagsrunde an die frische Luft fördert nicht nur schön bunte Herbstecken zum Vorschein, sondern legt auch Einblicke frei, gegen die man unwillkürlich nur anphotographieren möchte.

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Lost place in Göttingen

Sozusagen mitten in der Stadt, direkt neben einem Einkaufszentrum, befinden sich auf einem weitläufigen Grundstück mehrere große Gebäude, die seit Jahrzehnten leer stehen. Vielleicht auf Grund der langen Dauer dieses Zustands fällt dies offenbar niemandem mehr auf. In der lokalen Presse war es lange nicht Thema, auch sonst spricht “man” in der Stadt nicht darüber. Aber drauf angesprochen weiß eigentlich jeder Göttinger, was gemeint ist.

Natürlich ist das Gelände gut eingezäunt und an Schildern, die auf Video-Überwachung hinweisen, mangelt es auch nicht.

„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ (Grundgesetz)
In diesem Zusammenhang stellen sich immer dieselben Fragen: inwiefern dienen solche Liegenschaften dem Allgemeinwohl angesichts nach wie vor akuten Wohnungsmangels? Warum verpflichtet Immobilieneigentum nicht auch zum Erhalt desselben und zu sinnvoller Nutzung?

In der Feldmark

Ich bin nicht Fontane. Insofern kann ich keine Wanderungen durch die Mark Brandenburg beschreiben. Dennoch wirkt allein dieser Titel seit jeher anziehend auf mich. Eines Tages möchte ich diesen Landstrich wenigstens einmal zu Gesicht kriegen.
Auch das Gedicht Meeresstrand von Theodor Storm kommt mir immer mal in den Sinn: Ans Haff nun fliegt die Möwe, und Dämmrung bricht herein.

Aus Göttingens Süden kann ich heute von einem Spaziergang zusammenreimen:

In die Feldmark nun feget der Hund
Wilde Wolken jagen hinterher
Duster rufen die Raben und Regen
Nieselt statt wogendem Meer

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