Berliner Morgen

Durch das Piepsen des Weckers hindurch nehme ich ein Gluckern und Plätschern wahr. Es ist dunkel, kühl und aus den Fallrohren der Regenrinnen läuft Wasser in den Innenhof. Die Fenster sind sämtlich dunkel, strahlen etwas Abweisendes aus.
Ich ringe das übliche Weilchen mit mir, schlüpfe dann in meine Plastikklamotten, verlasse leise das Zimmer und hopple die drei Etagen hinunter, nach draußen. Im fahlen Schein der orangenen Straßenlampen glitzern Teile des Asphalts, ich biege ab in einen Weg am Kanal entlang, wo es so dunkel ist, daß ich langsamer laufen muß. Angst zu stolpern. Ich kenne die Gegend und doch ist sie etwas unheimlich.
Nach ein paar hundert Metern erreiche ich eine Brücke über den Kanal, ein Relikt aus Vorkriegszeiten. Da lief früher eine Bahnlinie entlang, die Görlitzer Bahn, von der heute noch ein Stück Damm inclusive ein paar schmaler stählerner Brücken übrig ist. Der Untergrund ist weich, der Blick aus leicht erhabener Höhe auf die verschlafenen dunkelgrauen Häuserreihen ebenso deprimierend wie heimelig. Es nieselt mir ins Gesicht. Kapuze auf, Kapuze ab, schwer mich zu entscheiden. Mir ist warm inzwischen, der Rhythmus stimmt. Links lasse ich den Treptower neben mir liegen und überquere an der S-Bahn entlang die Spree über die Elsen-Brücke. Die Ruhe erscheint mir für Berlin völlig unnatürlich.
Auch über die Kynaststraße, auf der ich mich quasi von hinten dem Ostkreuz nähere, fährt nur alle paar Minuten ein Auto, durch die Pfützen reichlich Gischt aufwirbelnd.
Auf der anderen Seite, in den sich endlos aneinander reihenden Häuserschluchten von Friedrichshain, wird das Straßenlicht abgeschaltet, noch sehr früh, für so einen trüben Morgen. Die meisten Ecken kenne ich, habe ich schon durchschritten, habe in den Kneipen gesessen, indisch gegessen und die vielen bunten Lichter photographiert. Nichts von alldem ist jetzt davon zu erkennen. Fremd und abweisend wirkende Bürgersteige, nur Köterzerrer unterwegs. Und doch: seltsam geborgen im Unwirtlichen.
Am Anfang der Warschauer Brücke, gerade da, wo sich der Blick endlich wieder weitet, schickt mir eine Böe eine frische Ladung Nieselgischt ins Gesicht, während mir ein großer, dunkler Mann halb in den Weg trifft und “Hey, cool Mann, geiles Tempo” zuruft. Ich mache einen möglichst großen Bogen um ihn, atme so ruhig es geht gegen das plötzliche Herzklopfen an und sage mir: du mußt jetzt den Blick auf die Bahnanlagen genießen. Die gibt’s nicht mehr lange.
Unten am Bahnsteig tuckert eine S-Bahn, daneben müht sich eine schwere Diesellok mit Schlafwaggons. Ein Anblick, dem nur mit Melancholie zu begegnen ist. Diesem angenehmen Gefühl, das vielleicht einfach nur aus guten Erinnerungen besteht. Dieses gern Hineintauchen in’s Vergangene, dieses gern Traurigsein darüber, daß es vergangen ist.
Unter den Gewölbebögen der Oberbaumbrücke hallen meinen Schritte, im Stroboskopblick nach Süden erhasche ich knappe Eindrücke vom Osthafen, nehme im Augenwinkel den Lastkran wahr, der – abgeknickt seit vielen Monaten – wirkt, als gebe er auf, buchstäblich.
Und dann bin ich seltsam froh, wieder im Wrangelkiez angekommen, die Gaslaternen noch brennend vorzufinden, mich zuhause zu fühlen, es warm, freundlich und anheimelnd zu finden.
Als sei das meine Welt.

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