Der große Auftritt
Die große Tochter hatte ihren alljährlichen großen Ballett-Auftritt. Mit ihren neun Jahren schon mindestens der dritte. Und jedesmal dieselbe große Aufregung davor. Endlos die Vorbereitungen, vor denen sich auch gebeutelte Mütter kaum drücken können. Kostüme müssen genäht werden, ungewohnte Trainigsorte aufgesucht und viel zusätzliche Zeit investiert werden.
Und dann konzentriert sich alles auf bestenfalls anderthalb Stunden, in denen alle Ballettmäuse zwischen 4 und 14 ihr Bestes geben. Und alle Eltern, Geschwister, Großeltern, Patenonkel und -tanten (sogar ein Klavierlehrer wurde gesehen!) sitzen auf den Rängen und im Parkett, knipsen und blitzen und videofilmen so angestrengt um die Wette, daß man sich wie bei einer Pressekonferenz fühlt. Die schwülstige Musik dröhnt aus den ein Ideechen zu billigen Boxen und die gegenseitige Dankesorgie zum Ende hin kennt weder Grenzen noch Schranken.
Es gehört eben dazu.
Aber schön ist etwas anderes. Schön ist, wenn man bei ganz anderer, intimerer Gelegenheit, einer Übungsstunde beiwohnen darf, wenn die Ballettlehrerin mit strenger und doch liebevoller Stimme ihren Schülerinnen das abverlangt, was diese tatsächlich können. Wenn zur knappen, stilistisch eher kühlen Klaviermusik Plié und Relevé, Erste Position und Soutenu aufgerufen und dargeboten werden, wenn die kleinen Grazien anmutig die Beine lüpfen und strecken, an der Stange vor dem Spiegel, eine hinter der anderen, eine schöner als die andere – und alle stolz und ganz in ihrem Element.
Aber der große Auftritt… – ist zum Glück für dieses Jahr wieder einmal überstanden. Und meine kleine Ballerina ist fertig und schläft glücklich.
Dich hinter mir fühlen
während wir da auf der Brücke stehen
hinab blicken in die Ferne
rote Signale leuchten und orangene
Zweige hängen im Dunst
Waggon an Waggon unter uns
rumpelnd der Güterzug
Wo fährt der denn hin?
Nach Süden.
Ich will auch nach Süden!
Ja, das wär schön, nicht?
Ja, Papi.
Der Traum ist aus

Das Erwachen feucht und kühl und dennoch angenehm. Neuer Tag, neue Chance.
Whynachz-Einkauf classic
Kind2 wünscht sich ein fernsteuerbares Auto zum Fest. So ein großes, schnelles, wendiges. Und Kind1 möchte endlich ein Einrad haben, das wünscht sie sich schon soo lange.
Also fahre ich mal mit dem Auto durch die Stadt, nachmittags, was ich sonst nie tue.
Ja ja ja, es ist nur Göttingen und es dauert in eine Richtung auch nur knapp zwei Stunden. In die andere (heimwärts) geringfügig länger. (Beides nur leicht übertrieben.)
Im T*o*ys-Center, so eine Art Pl*u*s für Kindersachen, gibt es sogar Bedienung, wenn auch keine mit Ahnung. So nützt mir die Aussage, die eine Marke sei eine Marke, die andere nur no-name, nicht wirklich etwas, weil ich eigentlich wissen möchte, welches von diesen Jungsspielzeugen was kann. Das genau weiß die Verkäuferin aber auch nicht.
Also steh ich wie blöd vor den Dingern, hole alle einzeln raus aus dem Regal, lese die überall gleichen Kartonaufschriften (in 256 Sprachen), stelle alle wieder zurück und entscheide mich schließlich für das nicht zu kleine, aber auch nicht so furchtbar große, schon schnell aber auch nicht zu grell aussehende und auch preislich mittlere Teil für immerhin 42,95 Euro. Dazu noch (das ist einfach, zum Glück!) einen Waggon für die Leg*o*-Eisenbahn.
Danach raus aus dem Laden, rein ins Auto und durchs Gewerbegebiet gedüst, ein offenbar zumindest streckenweise rechtsfreier Raum. Alle rasen da durch, als bedeuteten gerade auf diesen unübersichtlichen kleinen Zufahrten zwischen den großen Ramschläden Verkehrsregeln das Gegenteil von sonst: bloß nich zu langsam, bloß nich gucken, bloß keine Rücksicht nehmen – zum Fürchten!
Bei B*O*C, einem Riesenramschladen für Fahrräder, gibt es Einräder für 59,95 Euro. Aus Metall, verstellbar, nicht gerade hübsch, aber alles dran. Zum Glück keine Auswahl. Ich nehme eins davon und düse wieder los. Noch mal zurück. Mir ist eingefallen, daß es im Spielzeugramschladen auch noch Geschenkpapier von der Rolle für lau gab. Wär doch bescheuert, davon nix mitzunehmen.
Beim Einparken vor dem Spielzeugramschladen fährt ein Familienpappi mit seinem Kombi so geschickt aus der Parklücke, daß er mich rückwärts andrückt. “Rammt” wär zuviel gesagt. Passiert auch nichts weiter. Aber reagieren im Sinne von reagieren tut dieser Mensch so gar nicht. Bleibt stattdessen bräsig sitzen in seinem Turnier-Modell und wartet, bis ich aussteige, nachgucke, feststelle, daß er an meinem Kotflügel seinen Lack (oder Dreck?) abgeschabt hat. Als ich zu ihm trete und ihm sage, etwas Lack sei leider ab, pault er mich nur an, ich habe ihm doch die Verzierung verpaßt. Und fährt mit gerecktem Kinn von hinnen.
Es fällt mir sehr schwer ruhig zu bleiben. Fragen Sie mich doch mal, was ich am liebsten getan hätte!
Ach – fragen Sie lieber nicht.
Ich hole mir also von der großen Rolle Geschenkpapier und fahre nach Hause. Und stelle fest (ungeheuer neue Erkenntnis!): diese Art von Einkaufen ist nicht die, die mir auch nur ein Fünkchen Spaß machen würde.
Oder allgemeiner: solche Aktionen sind genau das, was mir Whynachten dann doch immer wieder verleidet.
Abendbeschäftigung
Vorhin 80 Nägel kurz geschnitten. 40 Finger und 40 Zehen, davon je 10 von mir. Dazu muß ich die Brille absetzen, weil ich sonst auf kurze Distanz womöglich was verkehrtes abknipse. Kind1 liest dabei, Nummer 2 erzählt Romane und dat dritte is nur am Zappeln.
Später setz ich die Brille wieder auf und klicke mich durch Berlin-Fotos. Dabei Telefonieren, Chatten und nach den großen Kindern gucken, die vor der Glotze sitzen.
Seltsamer Tag heute. Angespannt, angestrengt, weil mal wieder alleinverantwortlich im und für das übliche Chaos. Manchmal geht das besser, heute ganz klar nicht.
Weltstadtbummel
Kaum zurück aus Berlin, zurück von einem außerordentlich schönen Wochenende, hatte ich zwei Tage später das Glück, schon wieder in die Stadt zu kommen: Hamburg diesmal. Eine Fortbildung, nicht wirklich erheiternd, eher ziemlich anstrengend. Was mich ein bißchen beunruhigt, denn die Inhalte sind mir grundsätzlich geläufig. Aber dieses Rumsitzen, auf den Monitor starren, dann wieder auf das vom Beamer an die Wand geworfene starren, versuchen, dem Dozenten zuzuhören und (fast) gleichzeitig in die Tasten zu hacken, was der gerade erzählt, mit einschläfernder Stimme natürlich, während ich noch gleichzeitiger viel lieber daran denke, was ich danach machen werde.
Was mich beunruhigt, ist, daß es mir schwer fällt, mich zu konzentrieren. Die Gedanken schweifen gar zu gern ab, das Beamerbild erkenne ich nicht gut genug, um die Schrift lesen zu können und inhaltlich häufen sich logische Stolperer.

Ein wenig fürchte ich, daß es mir abends nur noch so geht: alles irgendwie unscharf.
Aber der feucht-kalte Nieselregen und die steiffrische Elbebriese mischen den müden grapf doch recht munter wieder auf. Und so freut der sich denn wie so’n kleiner Junge über all die riesigen Kräne und Kähne und das alles mit Licht. Und so’n schönes Licht bei dem diesigen Wetter. Wie der das mag…!

Abends also nix wie hin an die Landungsbrücken, staunen, schlottern und mit der Fähre fahren, einmal Elbe runter bis Övelgönne und dann wieder Elbe rauf.
Nach dem zweiten Tag, an dem das Lernen doch auch bißchen leichter fiel, und nachdem ich noch mal an die Elbe und auf die Elbe mußte, war es denn aber doch auch schön, in den Zug zurück nach Hause zu steigen, das Glück zu haben, einen Ersterklasse-Wagen zu erwischen, der für die 2. Klasse genutzt werden durfte und so richtig bequem reisen zu können. Bahnfahren kann einfach enorm schön sein, mit der richtigen Musik in den Ohren und den richtigen Erinnerungen im Herzen.
Und jetzt kann die nächste Weltstadt mal ein paar Tage warten.





