Hier wird noch gearbeitet

Seit einiger Zeit beschleicht mich immer öfter so ein ganz eigenartiges Hochgefühl, wenn ich Produktionsstätten sehe, in denen noch produziert wird.

Seit einiger Zeit beschleicht mich immer öfter so ein ganz eigenartiges Hochgefühl, wenn ich Produktionsstätten sehe, in denen noch produziert wird.

Wie das Göttinger Tageblatt heute im allgemeinen Wirtschaftsteil auf Seite 7 berichtet, wird das Gebäude von Möbel Lützkendorf mit samt Hinterhof im kommenden Jahr abgerissen und an seiner Stelle ein Neubau errichtet. Millionen Euronen werden fließen, um ein weiteres Stück Göttinger Altstadt für immer zu vernichten.
Die große Tochter hatte ihren alljährlichen großen Ballett-Auftritt. Mit ihren neun Jahren schon mindestens der dritte. Und jedesmal dieselbe große Aufregung davor. Endlos die Vorbereitungen, vor denen sich auch gebeutelte Mütter kaum drücken können. Kostüme müssen genäht werden, ungewohnte Trainigsorte aufgesucht und viel zusätzliche Zeit investiert werden.
Und dann konzentriert sich alles auf bestenfalls anderthalb Stunden, in denen alle Ballettmäuse zwischen 4 und 14 ihr Bestes geben. Und alle Eltern, Geschwister, Großeltern, Patenonkel und -tanten (sogar ein Klavierlehrer wurde gesehen!) sitzen auf den Rängen und im Parkett, knipsen und blitzen und videofilmen so angestrengt um die Wette, daß man sich wie bei einer Pressekonferenz fühlt. Die schwülstige Musik dröhnt aus den ein Ideechen zu billigen Boxen und die gegenseitige Dankesorgie zum Ende hin kennt weder Grenzen noch Schranken.
Es gehört eben dazu.
Aber schön ist etwas anderes. Schön ist, wenn man bei ganz anderer, intimerer Gelegenheit, einer Übungsstunde beiwohnen darf, wenn die Ballettlehrerin mit strenger und doch liebevoller Stimme ihren Schülerinnen das abverlangt, was diese tatsächlich können. Wenn zur knappen, stilistisch eher kühlen Klaviermusik Plié und Relevé, Erste Position und Soutenu aufgerufen und dargeboten werden, wenn die kleinen Grazien anmutig die Beine lüpfen und strecken, an der Stange vor dem Spiegel, eine hinter der anderen, eine schöner als die andere – und alle stolz und ganz in ihrem Element.
Aber der große Auftritt… – ist zum Glück für dieses Jahr wieder einmal überstanden. Und meine kleine Ballerina ist fertig und schläft glücklich.
während wir da auf der Brücke stehen
hinab blicken in die Ferne
rote Signale leuchten und orangene
Zweige hängen im Dunst
Waggon an Waggon unter uns
rumpelnd der Güterzug
Wo fährt der denn hin?
Nach Süden.
Ich will auch nach Süden!
Ja, das wär schön, nicht?
Ja, Papi.

Das Erwachen feucht und kühl und dennoch angenehm. Neuer Tag, neue Chance.
Kind2 wünscht sich ein fernsteuerbares Auto zum Fest. So ein großes, schnelles, wendiges. Und Kind1 möchte endlich ein Einrad haben, das wünscht sie sich schon soo lange.
Also fahre ich mal mit dem Auto durch die Stadt, nachmittags, was ich sonst nie tue.
Ja ja ja, es ist nur Göttingen und es dauert in eine Richtung auch nur knapp zwei Stunden. In die andere (heimwärts) geringfügig länger. (Beides nur leicht übertrieben.)
Im T*o*ys-Center, so eine Art Pl*u*s für Kindersachen, gibt es sogar Bedienung, wenn auch keine mit Ahnung. So nützt mir die Aussage, die eine Marke sei eine Marke, die andere nur no-name, nicht wirklich etwas, weil ich eigentlich wissen möchte, welches von diesen Jungsspielzeugen was kann. Das genau weiß die Verkäuferin aber auch nicht.
Also steh ich wie blöd vor den Dingern, hole alle einzeln raus aus dem Regal, lese die überall gleichen Kartonaufschriften (in 256 Sprachen), stelle alle wieder zurück und entscheide mich schließlich für das nicht zu kleine, aber auch nicht so furchtbar große, schon schnell aber auch nicht zu grell aussehende und auch preislich mittlere Teil für immerhin 42,95 Euro. Dazu noch (das ist einfach, zum Glück!) einen Waggon für die Leg*o*-Eisenbahn.
Danach raus aus dem Laden, rein ins Auto und durchs Gewerbegebiet gedüst, ein offenbar zumindest streckenweise rechtsfreier Raum. Alle rasen da durch, als bedeuteten gerade auf diesen unübersichtlichen kleinen Zufahrten zwischen den großen Ramschläden Verkehrsregeln das Gegenteil von sonst: bloß nich zu langsam, bloß nich gucken, bloß keine Rücksicht nehmen – zum Fürchten!
Bei B*O*C, einem Riesenramschladen für Fahrräder, gibt es Einräder für 59,95 Euro. Aus Metall, verstellbar, nicht gerade hübsch, aber alles dran. Zum Glück keine Auswahl. Ich nehme eins davon und düse wieder los. Noch mal zurück. Mir ist eingefallen, daß es im Spielzeugramschladen auch noch Geschenkpapier von der Rolle für lau gab. Wär doch bescheuert, davon nix mitzunehmen.
Beim Einparken vor dem Spielzeugramschladen fährt ein Familienpappi mit seinem Kombi so geschickt aus der Parklücke, daß er mich rückwärts andrückt. “Rammt” wär zuviel gesagt. Passiert auch nichts weiter. Aber reagieren im Sinne von reagieren tut dieser Mensch so gar nicht. Bleibt stattdessen bräsig sitzen in seinem Turnier-Modell und wartet, bis ich aussteige, nachgucke, feststelle, daß er an meinem Kotflügel seinen Lack (oder Dreck?) abgeschabt hat. Als ich zu ihm trete und ihm sage, etwas Lack sei leider ab, pault er mich nur an, ich habe ihm doch die Verzierung verpaßt. Und fährt mit gerecktem Kinn von hinnen.
Es fällt mir sehr schwer ruhig zu bleiben. Fragen Sie mich doch mal, was ich am liebsten getan hätte!
Ach – fragen Sie lieber nicht.
Ich hole mir also von der großen Rolle Geschenkpapier und fahre nach Hause. Und stelle fest (ungeheuer neue Erkenntnis!): diese Art von Einkaufen ist nicht die, die mir auch nur ein Fünkchen Spaß machen würde.
Oder allgemeiner: solche Aktionen sind genau das, was mir Whynachten dann doch immer wieder verleidet.