Wenn Schulen um Schüler buhlen

Die großen Kinder sind in der vierten Klasse und kommen nächstes Jahr auf eine höhere Schule. Gestern Abend gab es in ihrer Grundschule eine Infoveranstaltung, auf der LehrerInnen von 1 Hauptschule, 1 Realschule, 2 Gymnasien und 2 Gesamtschulen vorstellten, was die Kinder und uns erwartet.
Überrascht und sehr eigenartig berührt hat mich der Vortrag der Hauptschullehrerin, die solcher Art Reklame für ihre Anstalt machte, als könne es Eltern geben, die ihre Kinder da gern hinschicken wollten. Grundlagen für’s Leben vermittle die Hauptschule, vor allem Sinn für Ordnung…
Für vertiefte Grundlagen sei die Realschule zuständig. Und sie würden nicht jeden nehmen, betonte ihr Abgesandter.
Na toll, dachte ich.
Völlig souverän und großväterlich die beiden Gymnasial-Direktoren, vom Podium oben mit brummenden Bässen betonend, wie erfreulich für sie der ganz neue Umgang mit Fünftklässlern sei, dessen sie sich seit diesem Schuljahr erfreuen dürften. Es klang ein wenig, als würden sie die Kleinen in ihren großen Pausen einen nach dem Andern zum Nachtisch verspeisen, gemeinsam…
Nein, sie klangen aber nett, vertrauenswürdig, sonor, bildungsbürgerlich tugendhaft, mit natürlicher Autorität reichhaltig ausgestattet und besorgt um das Wohl unserer Kinder, die nun in 12 Jahren schaffen müssen, wofür sie, die Herren Direktoren, und viele von uns, dem geneigten Publikum, sich noch 13 Jahre Zeit lassen durften.
Konkret: gleich 29 Wochenstunden für die Fünftklässler, was dann bis zur 8. Klasse auf 34 Stunden ausgeweitet wird. Plus reichlich Hausaufgaben. Und das bei Soll-Klassenstärken von 32 Kindern.
Klingt doch toll, oder? Da ist doch nun offenkundig Schluß mit lustig. Eine noch geeignetere Maßnahme, unsern Bildungsstandard pisamäßig aufzubessern, hätten die KultusministerInnen kaum erfinden können…!
Fast schon zu nett hingegen klang, was die Gesamtschulvertreter vorstellten: 13 Jahre Zeit bis zum Abi weiterhin, Konzept Schule in der Schule, also Klassenverband von der 5. bis zum Abitur, kleiner LehrerInnenkreis, der ebenso durchgezogen wird – und integrierender Unterricht für alle “Leistungsstufen” wenigstens bis zur 8., in der IGS sogar bis zur 10 Klasse.
Von sowas hätte ich geträumt als Schüler, wenn man es mir erlaubt hätte.
Die Gesamtschulen verteilen ihre Plätze per Losverfahren, die andern Schulen “nehmen jeden auf, der sich anmeldet.” Mehr muß man doch gar nicht dazu sagen, oder?

Aber vielleicht ist die Idee einer integrativen Gesellschaft auch einfach vorgestrig inzwischen, weil viel zu progressiv. Sie birgt doch einfach die Gefahr, daß mündigere BürgerInnen aus ihr hervorgehen als aus der rein leistungsorientierten, elitär selektiven Gesellschaft preußischer Prägung. Was sollen wir mit mündigen BürgerInnen in einer Welt, die außer Wirtschaftswachstum und steigenden Aktienkursen durch globale Ressourcenvernichtung keine Visionen zuläßt?

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Erster Schnee


Letzte Nacht gingen die reichhaltigen Niederschläge irgendwann in Schneefall über und ließen mengenmäßig kein bißchen nach. Eine Viertelstunde vorm Wecken schon hörte ich die Kinder in ihren Zimmern rumhopsen und begeisterte Schnee-Rufe ausstoßen. War das eine gute Laune beim Frühstück! Als sei der Whynachzmann schon verfrüht eingetroffen.

Draußen lagen dann überall tatsächlich gut 5cm Schnee, in schwer geklutschter Form. So schwer, daß es so manchen dicken Ast dahingerafft hat. Auf den Straßen das übliche Chaos – jedes Jahr dasselbe. Mit dem Fahrrad echt nicht mehr lustig, zwischen den KlutschRillen, den riesigen schwarzen Lachen und den gnadenlos durchbrezelnden Autos, vor allem Taxen, die Balance und die Contenance zu wahren.

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Mein Freund der Baum


ist tot.

… ein Chanson von Alexandra.
Dieser Baum hier links im Bild (aufgenommen genau vor einem Jahr) existiert auch nicht mehr. Er ist letzten Winter gefällt worden.

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Bahnfahrn nur noch allein

War ja klar, daß es über kurz oder lang nicht mehr erwünscht sein würde, daß Leute sich zu Gruppen zusammen finden um gemeinsam Bahn zu fahren. Ist ja fast wie Wohngemeinschaften: Bahnfahrgemeinschaften. Spontan gebildet am Schalter womöglich.
Damit ist nun endlich Schluß. Der Mitfahrerrabatt wird gestrichen, nämlich.
Wenn mehr als einer fährt, dann gefälligst im Auto. Sonst werden die Züge eh zu voll. Und zu dreckig. Schließlich machen mehr Mitfahrer auch mehr Dreck. Und stellen dann womöglich auch noch mehr Ansprüche. Von wegen Entschädigung bei Verspätung und so.
Nee nee, da ist es schon wesentlich sinnvoller, das Bahnfahren nun doch wieder so unattraktiv zu machen, daß die Bahn selber sauber bleibt.
Also Herr Mehdorn, wie gehabt: weiter so! Augen zu und durch. Sie schaffen das.

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Aber im Wald


heute Nachmittag, da war gut durchatmen.

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Balance-Akt

Ich lauf so durch die Stadt und denke: Woher nur dieser unwillkürliche, unkontrollierbare Drang nett zu sein? Warum positiv denken?

Nein, ich werde jetzt nicht Gründe dafür aufzählen, warum man sich eigentlich sofort die Kugel geben müßte. Genauso wenig ist mir jetzt danach Süßholz zu raspeln oder auch nur das Wetter schön zu reden.
Während ich so auf dem Bordstein balanciere, sorgfältig darauf achtend, immer genau auf die Ritzen zwischen den einzelnen Steinen zu treten, ab und zu aber auch mal ganz gezielt daneben, während ich mir also ganz zwanglos gestatte mich zwanghaft zu verhalten und mir dabei halb amüsiert, halb irritiert zusehe, lauert als einzige Antwort in einer dunklen Ecke direkt hinterm Horizont nur etwas, was ich gar nicht wissen möchte. Jetzt nicht. Und später erst recht nicht.

Lieber schnell in eine Drogerie einkehren, Kaugummi und Kondome kaufen.

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Mond Venus Jupiter


Es waren nur 10 Minuten vielleicht, aber die waren ergreifend, ja betörend.

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Ach wenn ich doch


damals nicht so blöd gewesen wäre!
Ausgerechnet 1989 meinte ich nicht photographieren zu sollen. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber es waren ganz sicher Gründe, die dem Atem der Geschichte, welcher uns da so mächtig anwehte, nie standgehalten hätten. Wenn ich mir das denn mal so richtig klar gemacht hätte.
Mitte 1990 wurde mir das allmählich klar und ich begann, viel zu zaghaft und zu spärlich und zu sporadisch hin und wieder kleine Touren in den Osten zu machen und den Fortschritt der blühenden Landschaften auf Celluloid zu bannen.

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Heute vor 15 Jahren

schüttelte ich noch den Kopf über die Ereignisse entlang der Mauer. Ich wollte das nicht wahrhaben, daß es die Ossis im Ernst alle nur nach Westen zu drängen schien. Nachts saß ich in meinem Taxi, als ein Rudel öttelnder Trabbis frech die Fußgängerzone durchquerte, uns Taxifahrer als einzige Ansprechpartner ausmachte und uns ganz ohne Umschweife fragte, wo es denn nu das Begrüßüngsgeld gäbe.
Gott, man war gerührt, irgendwie.
Aber auch peinlich berührt. Das irgendwie auch, ja.
Und in ganz eigenartiger Weise hilflos.
Da waren diese Leute, die dann sehr schnell erstmal ihren ollen Gebrauchtwagen drüben für Phantasiepreise verhökerten und zuhause damit prahlten. So eine Art Goldgräberstimmung: drüben gab’s was zu holen. Schnell hin, ne Scheibe abschneiden vom Kuchen.
Ich hätte das nicht fertig gebracht.
Übrigens hätte ich auch nie nimmer nich gedacht, daß in so aberwitziger Geschwindigkeit dieses Ausmaß an Geschichtsklitterung zu leisten wäre – wie der Herr Dokter Kohl es dann aber doch leistete. Gemeinsam mit seinem wendigen Architekten Genscher und dieser Horde von wildgewordenen Einheizfanatikern.

Wir unternahmen irgendwann in diesem Winter mit unserm R4 einmal eine Expedition nach drüben, durch Dörfer, deren Namen wir nicht kannten, obwohl wir nur knapp 30 km entfernt wohnten, konnten nicht fassen, in welchem baulichen Zustand sich Straßen und Häuser befanden, noch weniger aber, daß in den Dörfern alles mit Girlanden behängt war, auf denen Sätze wie “Herzlich willkommen, Nachbarn!” standen. Und überall winkende Menschen in einer Kulisse, die an Nachkriegsfilme erinnerte.
Im Hinterkopf hatten wir noch das nerfige Prozedere am Grenzübergang Marienborn oder Dreilinden, Transit Berlin und zurück – und mochten noch nicht recht glauben, daß es nicht irgendein böses Erwachen gäbe, daß jemand meinen abgelaufenen Pass bemängeln oder unsern Kofferraum durchsuchen wollen könnte.
In Heiligenstadt stiegen wir aus und liefen durch die Straßen. Es roch nach Trabbis und nach Braunkohle. Sehr fremdartig. Sehr faszinierend, auch die Farben, Schriften und was da geschrieben stand, was in den Schaufenstern zu sehen und was dort nicht zu sehen war.
Die Leute sprachen eine andere Sprache als wir.
Zum Abschluß fuhren wir auf einen Hügel, um uns von dort aus die Schlange vorm Grenzübergang Teistungen anzusehen. Einige Festkilometer Trabbis. Der Geruch ihrer Abgase hing meilenweit so schwer in der Luft, daß man ganz high davon wurde.

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