Ästhetik des Verfalls?

Woran liegt es, dass seit ein paar Jahren die Erkundung und „Dokumentation“ zerstörter Orte in Mode gekommen ist? Bei Instagram und Facebook, wie auch in anderen sozialen Netzen gibt es international eine riesige Gemeinde von „Urbexern“, die einen Großteil ihrer Freizeit damit verbringen. Warum?

Was motiviert eigentlich dazu Lost Places zu besuchen und zu photographieren? Warum mag man Bilder von verfallenen Gebäuden, von schimmelnden Fassaden und rostenden Stahlträgern?
Worin liegt der Reiz – jetzt mal vom Adrenalinschub abgesehen?

Ich frage mich das seit einer ganzen Weile und bemerke, dass mich Orte wie der hier abgebildete abschrecken um nicht zu sagen anekeln. Ich suche keine Stätten der Verwüstung, die einfach nur kaputt gemacht und dann auch noch vollgemüllt werden.

Was mich reizt am Urbexen, am Streunen durch die B-Seiten der Städte, das ist vielmehr eine Ästhetik des Alterns – in Würde – wenn man das für Gebäude so nennen kann. Es reizt mich selten, wenn Häuser einfach nur einstürzen. Ähnlich wenig zieht es mich aber auch an, wenn alte Häuser schick saniert werden und danach wie geschminkt aussehen. Genauso wirken oft gealterte Menschen, die ihr wahres Aussehen durch Chemie und Plaste&Elaste zu übertünchen versuchen: weder echt noch ästhetisch.

Stattdessen so etwas wie talienische Patina…? Abblätternder Putz, mehrere Schichten von Reklameschildern, die untereinander sichtbar werden, ebenso wie Schichten von Baumaterial, die im Laufe von Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten übereinander kamen und irgendwann begonnen haben wieder abzubröckeln und Schichten von Vergangenheit freizugeben.

Mir geht es nicht um eine Ästhetik der Trostlosigkeit oder der Verstörung, sondern um eine Ästhetik des Alterns in Würde.

Und das Urbexen allgemein – liegt der Trend zu diesem „Hobby“ einfach darin begründet, dass hier nicht nur der digitalen Ästhetik der Perfektion, sondern auch dem Zwang zur Jugendlichkeit der Zerrspiegel vorgehalten wird? Und gelingt das?

Kran begrünt

Oh du Kran behängtes Säulengrün
Am Zebrahaken Sonn beschien
Stillst mit deinen schlanken Stengeln
Jed Lust auf eitles Herumquengeln
Du täuschst so filigran und schlicht
Ganz keck über dein eigentlich Gewicht

Der Schmiedehammer

Der gute alte dreiheblige Querstanzer
Oder was immer das sein mag
Ich bleib lieber ein Grünpflanzer
Obwohl mich das Teil fasziniert
Gern hätte ich eine Delle gestanzt in den Tag
Was hätte ich mich womöglich blamiert

zur Kur in den Südharz

Ein Aufenthalt in einem lost place ist zwar möglicherweise gefährlich, verboten oder beides – er kann jedoch auch sehr heilsam für die Seele sein. Als Kur ist er bei der Krankenkasse zurzeit jedoch nicht durchsetzbar.
Der Harz bietet einige seit Jahren verlassene Locations, die – auch wenn sie auf eigene Kosten gehen – durchaus spannende Erholung ermöglichen.

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lost places im Harz (I)

Es ist schon ein paar Monate her, aber der letzte Ausflug zu einer verlassenen Harzer Villa bleibt unvergessen. Heute endlich kann ich Ihnen hier ein paar Eindrücke davon anbieten. Viele der feinen Details sind mir erst beim Betrachten der Bilder aufgefallen. In der Villa selbst war es dunkel, kalt und unheimlich.

Demnächst werden noch ein paar weitere Reportagen von lost places im Harz hier folgen.