Hagenweg 20


1983 habe ich in diesem Haus für etwa 9 Monate gewohnt. Damals war es technisch intakt und verhältnismäßig sauber und jedes der weit über hundert 18qm bzw 35qm-Appartments bewohnt. Schaurig war die Anonymität: selbst die Leute, die direkt neben einem wohnten, kannte man nicht. Es gab so etwas wie Angst voreinander. Begegnete man sich auf den langen, kahlen Fluren, grüßte man knapp, ohne genau hinzugucken. Einmal klingelte jemand bei mir und borgte sich Salz oder Milch. Ich erinnere deutlich, wie ich erschrank, als es klingelte. Wie ich sogar zunächst gar nicht öffnete, sondern versteinert da saß und mich nicht mehr traute mich zu bewegen. Dann öffnete ich doch und der Jemand an der Tür war genauso verhuscht wie ich. Ich nahm mir vor, mein Verhalten zu ändern. Aber es ging nicht.

Gruselig waren die Geräusche, die man, vor allem nachts, nie richtungsmäßig zuordnen konnte. Zu laute Fernseher, Trittschall, Stimmen – es ließ sich beim besten Willen nicht herausfinden, woher sie kamen.
Mein Fahrrad schleppte ich immer die Treppe hoch, um es durch’s Appartment durch auf den Balkon zu bringen, weil draußen zu viel geklaut wurde.

Das Klima war übel in dem reinen Betonbunker, deswegen konnte ich nur bei geöffneter Balkontür schlafen. Das war jedoch irrsinnig laut, weil der Hagenweg stark befahren ist. Von Lastwagen und Bussen und Autos.
Ich machte drei Kreuze, als ich dort auszog.

Heute steht der Bunker großteils leer. Wer dort wohnt, hat keine andere Alternative mehr. Der Zustand ist, schon von außen betrachtet, das nackte Grauen: jede Menge zerstörte Fensterscheiben, überhaupt der Eindruck allgemeiner Verwahrlosung, üble Gerüche, bellende Hunde – Angst. Man kommt dort vorbei und traut sich kaum näher ran, sieht zu, daß man so schnell wie möglich weiter kommt und nicht weiter drüber nachdenkt, wie es den Menschen gehen mag, die dort wohnen.

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Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. marie

    In der Tat ein wenig einladendes Haus, wo GÖ ja wirklich schönere Alternativen zu bieten hat.
    Erinnert mich an ein völlig verwahrlostes Hotel in Indien, in dem ich einmal logierte. Ich kam mir vor, wie nach einem Atomkrieg, alles war so gespenstisch, ganz ähnlich, wie dieser Bunker….*grusel*

  2. grapf

    1983 war harte Wohnungsnot. Man war froh überhaupt wohnen zu können.
    Die Assoziation von “nach einem Atomkrieg” finde ich furchterregend passend. *mitgrusel*

  3. nickelartist

    brrr, wirklich gruselig. da kann man sich kaum vorstellen, dass da immer noch leute drin wohnen…
    deinen erfahrungsbericht und die fotos finde ich stark.
    das, was du schreibst, kann ich nachvollziehen. ich habe ja selbst 23 jahre lang in einer plattenbausiedlung mit mehreren 7-stockwerkhäusern gewohnt. aber dort hatten wir auch viel grün rundherum, und für kinder war es eigentlich ganz gut.
    wenn ich aber heute in dieser gegend bin, überkommt mich immer wieder ein komisches, gruseliges gefühl. vor allem nachts ist es dort richtig unheimlich. früher kam mir das gar nicht so vor.
    mir schwebt übrigens auch schon seit einiger zeit vor, mal eine fotoserie über “meine” alte siedlung zu schießen…

  4. T.Richter

    und das krasse ist ja: es wird immer noch schlimmer.müll wird aus dem fenster geworfen,und natürlich liegen gelassen.da jeder der paar bewohner offenbar 5 hunde hat,ist alles vollgekackt.schimmel,ungeziefer,gewalt…
    und mittendrin wohnt ein typ,bei dem ist alles absolut sauber und akkurat aufgeräumt.
    armes schwein.

  5. grapf

    @ T.Richter: kommst du da regelmäßig vorbei oder warst sogar mal drin in letzter Zeit?

    @nickelartist: Grün ist um dieses Haus hier auch reichlich. Eins der Probleme ist möglicherweise, daß es so isoliert steht – vor allem aber natürlich, daß sich scheinbar niemand dafür zuständig fühlt. Es ist wie ein Niemandsland, mitten in Göttingen.

  6. Henning Klinge

    Ich war Ende der 70er Erstbewohner in einer solchen Wohnung. Nachbarschaftskontakte oder Hausgemeinschaft gab es von Anfang an fast nicht. Gruselig war es auch damals schon. Heute werden diese Wohnungen (2Zimmer 40 qm) für 18000 Euro oder billiger bei Ebay vertickt und dann ans Sozialamt für 350 Euro vermietet. Unglaublich. Für jemanden, der keine Angst hat an den Abrisskosten beteiligt zu werden ein echtes Schnäppchen.

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