1981

Eines Abends setzte sich John Meyer in das Auto seiner Schwester und fuhr los. Er hätte nicht sagen können, wohin er wollte, hatte schlicht Lust Auto zu fahren, die Umgebung zu wechseln.

Mehr oder weniger unwillkürlich gelangte er dabei nach Göttingen und fand sich vor Lucys Wohnungstür wieder. Er traute sich zunächst nicht zu klingeln, denn ihm fiel keine passende Entschuldigung für sein Kommen ein. Natürlich, er hatte wieder diese Sehnsucht – allerdings nicht unbedingt nach Lucy. Eigentlich fühlte er sich nur allein.

Als er doch geklingelt hatte, öffnete Lucy die Tür, sah ihn erstaunt an und bat ihn herein. Er versuchte sie an sich zu ziehen, wollte sie umarmen und ihr einen Kuß geben. Sie entwich seinen Armen jedoch geschickt und erklärte, Andi sei da.

Aha, sagte John Meyer, das sei für ihn nicht unbedingt ein Hindernis. Für ihn vielleicht nicht, entgegnete Lucy ohne weiteren Kommentar.

Na schön, seufzte John Meyer, dann störe er also. Lucy grinste leicht und nickte entschieden. Erst in diesem Augenblick wurde John Meyer gewahr, daß Lucy einzig mit einem Bademantel bekleidet war. Er verspürte einen Stich in der Magengegend und verkündete, er werde dann gehen.

Wieder im Auto, fragte er sich, wie es zu dieser Situation habe kommen können. Darauf blieb er sich die Antwort schuldig.

Wenige Minuten später stand er vor Britts Wohnungstür und erwartete nun beinahe eine ähnliche Abfuhr. Denn Britt hatte ihm geschrieben, daß sie dieser Tage keine Zeit für ihn habe, da ein guter Freund sie besuchen wolle, der zwar etwas schwierig, ihr jedoch sehr wichtig sei.

Kassandra, Britts Mutter, erschien in der Tür und behauptete, Britt sei gerade Zigaretten holen gegangen. Ob er warten wolle.

John setzte sich zu ihr ins Wohnzimmer und starrte einige Augenblicke vor sich auf den Teppichboden.

Was ihr denn eigentlich nicht an ihm gefalle, fragte er Kassandra. Ohne mit der Wimper zu zucken, äußerte sie, er sei in ihren Augen ein Döllmer und habe überdies frappierende Ähnlichkeit mit ihrem Schwiegervater. Ferner hege sie den Verdacht, daß er ihr ohne zu fragen Britt wegnehmen wolle.

Ach so, gab John Meyer zu, so etwas habe er schon befürchtet.

Es störe ihn an und für sich auch nicht besonders, dass sie ihn nicht möge. Aber er finde, sie brauche ihre Frustration nicht an ihrer Tochter auszulassen. Überhaupt solle sie sich nicht so anstellen.

Inwiefern sie sich anstelle, das sei ihre Sache, versetzte Kassandra. Und wenn er noch länger warten wolle, dann möge er doch bitte in Britts Zimmer gehen. Sie könne seine Gegenwart nicht länger ertragen.

John Meyer blieb kühl, stand wortlos auf und spazierte in Britts Zimmer, wo ihm sogleich das Tischnilpferd Otto entgegenstürmte und ihm freundlich über das Gesicht leckte.

Hallo Otto, sagte John Meyer und setzte sich. Wenig später traf auch schon Britt ein, umarmte ihn, gab ihm einen Kuß und fragte, warum er denn gekommen sei. Sie habe doch keine Zeit.

John Meyer beteuerte, er habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Und wo ihr guter Freund denn sei, wegen dem sie keine Zeit habe.

Britt guckte ihn vielsagend von der Seite her an und meldete, daß der Freund nicht gekommen sei. Sie führe jedoch gerade mit Kassandra ein äußerst wichtiges, intensives Gespräch.

Er störe also, ließ sich John Meyer entmutigt vernehmen.

Nein, sagte Britt. Das heiße doch. Das mache aber nichts. Er könne durchaus trotzdem bleiben, müsse sich halt nur gedulden, bis sie das Gespräch mit Kassandra beendet habe.

Du hast es also nicht mehr ohne mich ausgehalten? fiel ihr plötzlich ein.

Nein, er, John Meyer, habe in seinem Zimmer gesessen und sich sehr einsam gefühlt. Da habe er sich in das Auto seiner Schwester gesetzt und sei wie von selbst nach Göttingen gefahren, erst zu Lucy, die jedoch keine Zeit für ihn hatte, nun zu Britt.

Moment, fiel Britt ihm ins Wort. Wieso er erst zu Lucy gefahren sei, wenn er nach ihr Sehnsucht habe.

Das könne er sich auch nicht erklären, sagte John Meyer und zuckte die Achseln. Britt zog die Stirn in Falten und fragte ihn, was er sich eigentlich vorstelle. Das wisse er auch nicht, bemerkte John Meyer bereits verzagt.

Daraufhin zog Britt die Stirn noch ärger in Falten, John Meyer begann seinerseits nun auch, die Stirn in Falten zu ziehen, und beide steigerten sich in eine immer mehr anwachsende, schließlich nicht mehr enden wollende Nachdenklichkeit. Bis Otto zu lärmen begann und Britt ihn bestimmt zurechtwies.

Auf eine bescheidene Frage Johns antwortete Britt mit einer Gegenfrage, die ihm den Atem stocken ließ. Woraufhin er, plötzlich entschlossen, Britt bei der Hand nahm und sie aus der Wohnung hinaus ins Auto hineinzerrte. Er schloß die Türen und fuhr los.

Er hätte nicht sagen können, wohin er wollte, hatte schlicht Lust Auto zu fahren und die Umgebung zu wechseln. Dementsprechend fielen seine Antworten auf Britts begreifliche Fragen aus.

Schließlich schwiegen die Beiden, und John riß die Kiste bis zum Arsch auf. Britt nahm unwillkürlich eine zusammengekrümmte Körperhaltung ein, als habe sie Angst.

Er liebe sie nämlich, versicherte John Meyer, als er mit 130 den Proffessoren-Highway entlangjagte, alle Ampeln absichtlich mißachtend. Ob er sie deshalb umbringen wolle, fragte Britt.

Das liege keineswegs in seiner Absicht, entgegnete John Meyer und drückte Bodenblech. Kurz darauf trat er mit voller Kraft auf die Bremse, woraufhin sich das Auto fast dreimal um sich selbst drehte. Ob sie vielleicht welterfahren wolle, fragte er Britt.

Hastig wurden in einen orangen R5 kurz hinter Göttingen, trotz Nieselregen, die Plätze von Fahrer und Beifahrerin getauscht.

Sollte John Meyer darauf spekuliert haben, daß Britt vernünftiger fahren würde als er, so wurde er schnell eines Besseren belehrt: Britt gab sofort Vollgas, schaltete rücksichtslos, ohne je die Kupplung in ihrer Funktion zu bestätigen, und fuhr rasante Schlangenlinien auf den schmierigen Asphalt.

Als das Auto nach kurzer Zeit langsamer wurde, schließlich gar nicht mehr fuhr, stattdessen stark zu qualmen begann, stiegen Britt und John Meyer aus, gingen ein paar Schritte zu Fuß und legten sich nahe der Böschung platt auf die Straße.

Der automatische Selbstzerstörungsmechanismus funktionierte wie vorgesehen. Doch die Druckwelle der Explosion konnte den beiden nichts anhaben. Sie lagen auf der Straße, im Dreck, und schnauften.