das gemanagte Chaos

Ab Vormittag läßt die Bahn ihre Fernzüge nur noch mit reduzierter Geschwindigkeit fahren, ab frühen Abend zunächst die ICEs gar nicht mehr, später wird überhaupt jeglicher Verkehr eingestellt. Die vielen vielen Reisenden, die auf den Bahnhöfen stehen bleiben, müssen sich Notunterkünfte suchen oder eben die Nacht auf dem Bahnhof verbringen.
Offenbar in Eigenregie, auf jeden Fall in jeweils eigener Verantwortung schicken die Schulen die Kinder am späten Vormittag bereits nach Hause, damit sie dort noch sicher hin gelangen. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe jedoch sind davon nicht benachrichtigt worden, so daß vor allem die Überlandbusse über Mittag absolut überfüllt sind. Zusätzliche Busse sind nicht so schnell einsetzbar. Also bleiben viele Kinder und auch Erwachsene an den Haltstellen stehen, müssen entweder eine Stunde auf den nächsten Bus warten oder zusehen, wie sie anders nach Hause kommen. Ob es wohl statistisch erfaßt wird, wieviele Menschen deswegen zu Schaden kommen?
Am Tag danach fällt die Schule aus. Im Radio wird dies zehn Minuten vor Schulbeginn durchgegeben. Unsere Kinder sind natürlich hingefahren, mit dem Fahrrad glücklicherweise, und kommen nach zehn Minuten freudestrahlend zurück. Was machen Kinder berufstätiger Eltern, die möglicherweise zuhause vor verschlossene Türen kommen, weil die Eltern mittlerweile arbeiten gegangen sind? Was machen Kinder, die vom Dorf in die Stadt gefahren sind und deren nächster Bus erst zwei Stunden später zurück fährt und dann womöglich wieder völlig überfüllt ist? Denkt da eigentlich jemand drüber nach, bevor der Unterricht einfach ausfallen gelassen wird?
Für den Abbau der Lehrerüberstunden sind diese zwei Tage sicher prima. Aber für die Kinder? Und für die Eltern?

Vielleicht ein Thema für den heutigen Brennpunkt? Stellen wir einen rotnasigen Journalisten vor eine leere Schule, lassen wir sein Fellmikrofon ordentlich wehen und ihn ein wenig schwanken im unsichtbaren Ansturm der tosenden Elemente und davon berichten, daß die eigentliche Sturmflut erst noch erwartet wird, wenn all den heimgeschickten Schülern bekannt gegeben wird, daß der ausgefallenene Unterricht durch verschärfte Hausaufgaben ausgeglichen werden muß. Und daß die Lehrer zwar jetzt ihre Überstunden ein wenig abbauen konnten, daß sie dafür aber auch wieder ein paar Stellen gestrichen bekommen.

Wir schalten um nach München.

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. krapo

    Dass ein Kind im Laufe des Vormittags nach Hause muss, ist Alltag. Es kommt ja oft vor, dass einem Kind schlecht ist und es deshalb nicht mehr am Unterricht teilnehmen kann. Wenn es dann zu Hause vor verschlossenen Türen steht, ist das die Verantwortung der Eltern, finde ich. Warum geben sie dem Kind keinen Schlüssel? Oder dem Nachbarn? Oder ein Handy, mit dem es die Oma anrufen soll, wenn es zu Hause nicht reinkann? Oder lassen es zu Freunden gehen? Sobald das Kind allein unterwegs sein darf, sollte so etwas abgesprochen werden, und zwar im Vorfeld, meine ich.
    Was den aktuellen Fall von dem eben zitierten Alltag unterscheidet: Diesmal geht es um Menschen(Schüler-)mengen. Die innerhalb kürzester Zeit zu versorgen, ist ein logistisches Problem. Aber einerseits nicht das der Schulen, sondern der jeweiligen Verkehrsgesellschaft. Wie ich den Medien entnehme, ist das seit Jahren bekannt. Über die Vorbereitungen der Deutschen Bahn war ich diesmal positiv überrascht, der hätte ich sonst zugetraut, ihre Gäste ähnlich im Stich zu lassen, wie es die GVB wohl getan hat. Und schließlich: Wenn ein Kind an der Schule ankommt und erst in zwei Stunden zurückfahren kann, wird es nicht vor die Tür gesetzt. In keiner Schule.

  2. toby

    Ja, war schon etwas chaotisch das. Aber ja glücklicherweise in unseren Breiten ohne große Schäden. Die Unentschhlossenheit der schulischen Entscheider sei vielleicht verziehen: Sie dürfen noch nicht lange und noch nicht viel selbst entscheiden. Und die Bahn? Die Oberweserbahn fuhr vorhin ohne Probleme. Was die ICEs machen werden ich nachher sehen.
    Mein Tag: http://www.zwischenhirn.de/2007/01/19/ein-wenig-chaos/

    @krapo: Die Schule darf ein Kind eigentlich nicht so einfach nach Hause schicken, auch wenn es krank ist. Da mus schon telefoniert werden…

  3. krapo

    @toby: Ja, im Einzelfall telefoniert die Schule. Es sei denn, das Schulaufsichtsamt ordnet solchen kompletten Schulausfall an. (Habe gerade mit meiner Mutter, Grundschullehrerin, telefoniert.) Übrigens ohne die einzelnen Schulleitungen zu informieren, sondern nur die Medien.
    @grapf: Und wenn dann einem Kind unterwegs etwas passiert, ist das ein Schulwegeunfall und damit automatisch über die Gemeindeunfallversicherung abgedeckt.

  4. hildi

    Ah, Gemeindeunfallversicherung… ich war schon einen Moment verunsichert.

    Bei uns auf Arbeit haben einige Eltern dann fluchtartig ihre Arbeitsstätte verlassen, um die Kinder abzuholen etc. In Berlin haben wir natürlich mit Bussen etc. nich wirklich viel Probleme. Nur halt mit Bahnhöfen und so ;-)

  5. CeKaDo

    In lediglich einem Beitrag im WDR kam es heraus, daß sich die Menschen an unterster Stelle mehr als 30 Stunden lang bemüht und gekümmert haben. Seitens des Managements überall allerdings wenig bis keine Informationen flossen und so alle Bemühungen eigentlich von vorn herein fehlschlagen mußten.

    Ganz offensichtlich wird überall in Krisensituationen gehandelt, bloß nicht miteinander. Das Einzige, was ganz offensichtlich funktionierte, war der Katastrophenschutz. Dort sind die Strukturen allerdings auch sehr klar und schon seit Jahrzehnten festgeschrieben.

    Leider macht sich vorher niemand ausreichende Gedanken darüber, was zu tun ist und nach Ende des kalten Krieges gibt es auch weder bei Schulbehörden noch Verkehrsbetrieben und anderen Organisationen, die miteinander arbeiten müssen, einen gemeinsamen Krisenstab.

    Jeder backt seine eigenen Brötchen und wirft sie hinterher weg.

Schreibe einen Kommentar