Leinehochwasser anno 2000


Das Hochwasser an sich sah vor elf Jahren nicht wesentlich anders aus als heute. Der Hintergrund hingegen hat sich völlig verändert. Die Bäume, die hier noch so schön das Ufer säumen, wurden 2004 fast alle gefällt. Seit 2007 wird der Bereich zwischen Leine und Eisenbahnstraße mit gesichtslosen und überhaupt ästhetisch außerhalb jeglicher Diskussion angesiedelten “Stadthäusern” zugebaut.

Von der Wäscherei Schneeweiß, später Steritex, ist heute nur noch der Turm übrig. Er wurde vollständig entkernt und zu einem Wohnturm umgebaut.

seine Pezeh-Dinoheit erinnert sich

Beim Aufräumen fällt ihm ein Buch in die Hand: “Datenbank-Entwicklung mit dBase III plus”, ein Grundlagen-Handbuch von 1987. Ein seltsamer Moment der Rührung steigt auf. Auf seinem ersten PC, damals einem 286er mit 12 Megahertz, 1 Megabyte Ram und 20 Megabyte-Festplatte, lernte er neben Word 3 und Quattro Pro (Tabellenkalkulation) auch dBase, ein sehr simples, aber extrem lange lauffähiges, ja theoretisch noch immer nutzbares Programm, dessen Daten man charmanterweise auch zum Beispiel im Norton Commander durchblättern und lesen konnte.
Der Norton-Commander, den der eine oder andere vielleicht noch aufgrund seiner charakteristischen Blau-Grün-Farbgebung in Erinnerung hat, sah auch auf dem bernsteinfarbenen Hercules-Monitor schon schick aus und würde noch heute jedes Rennen mit dem Windows-Explorer gewinnen.
Mit dem Buch lernte er, wie man eine relationale Datenbank aufbaut, Redundanzen vermeidet (die man heute an anderer Stelle gern wieder einbaut, als Backup), wie man Schlüsselfelder vorgibt, um Standardisierung statt Chaos durch Vielfalt zu erreichen – und vieles mehr, was weitgehend bis heute Gültigkeit hat und was einem als Blogger mit WordPress (z.B. Tags!) noch immer wichtig ist.
Mit einer nur noch mühsam übersehbaren Anzahl an Betriebssystemen, Datenbankprogrammen und Programmiersprachen hat er sich in den letzten 20 Jahren vertraut gemacht, aber auch hier ist es so, daß man die, mit denen man sein erstes Mal erlebte, nicht vergißt.

Gedenktag

Neunter November. Zwanzig Jahre ist es also nun her. Das historische Ereignis, bei dem die meisten Mitglieder meiner Generation wissen, was sie an dem Tag gemacht haben. Ich kann mich nicht so explizit dran erinnern. Ähnlich wie Herr Küppersbusch habe ich diesen Tag wohl verpennt. Wie auch die folgenden.
All diese Aufregung damals. Mir war das höchst suspekt. Das Wort “Wiedervereinigung” allein schon konnte ich nicht aussprechen, ohne übel Sodbrennen zu bekommen. Es war einfach zu sehr von den Rechten und anderen reaktionären Kräften besetzt. Und von diesem Herrn Kohl natürlich. Und Genschman. Also indiskutabel.
1989
Was paradox war, weil wir Gorbi und Schewardnadse auf der andern Seite wirklich cool und sympathisch fanden.
Zugleich verharrte ich – nicht nur durch gewisse Durststrecken der eigenen Biographie – in so einem seltsamen Zustand der Lähmung. Ich wollte es nicht wahrhaben. Vielleicht. Und selbst wenn, was ging es mich an! Damals. Ich kannte keinen Bürger der DDR persönlich, hatte seit 1972 lediglich auf der Transitstrecke nach Berlin unfreiwillige Blicke in dieses immer graue und verwahrlost wirkende Land geworfen und lebte eigentlich mit der Vorstellung, daß die bewohnbare Welt etwa 20 km südöstlich von Göttingen aufhöre, ganz gut. Im Zonenrandgebiet zu wohnen hatte Charme. Es gab Strukturförderung, was zugleich bedeutete, daß es eigentlich keine Struktur gab, keine großen Wirtschaftsbetriebe, kaum durchreisenden Verkehr, wenig Aufsehen. Und daß hinter dem großen Zaun die Landkarte ausgegraut war, schaffte Behaglichkeit. Man mußte dort nicht weiterdenken.

Aus sicherer Entfernung und von hoher Warte den endlosen Trabbi-Schlangen zuzuschauen, die über den Grenzübergang Teistungen im Eichsfeld gen goldenen Westen tuckerten, um nach Abholung des Begrüßungsgeldes die Bananenbestände unserer Lebensmittelläden leerzukaufen, das war einfach nur surreal. Wie in einem abgedrehten Science-Fiction von Monty Python. Auch unsere erste Fahrt in den Nahen Osten, im geschlossenen PKW einreisend, mit mulmigem Gefühl den Reisepass den Grenzern entgegenhaltend, die gar nicht mehr stempelten, sondern nur noch durchwinkten. Winkten wie die Dorfbewohner im Eichsfeld, all die Kinder, die Girlanden über den Straßen (“Willkommen Nachbarn!”), mitten im tiefsten und scheußlichsten Spätherbst. Zu Nieselregen (wie heute) und Braunkohlenheizungsausdünstungen. Als wir in Heiligenstadt ausstiegen und ein paar Schritte durch die graue Fußgängerzone machten, atmeten wir diese Gerüche ein, nahmen diese seltsame Stille wahr, diesen Stillstand in den Schaufenstern, der an Spielfilme aus der frühen Nachkriegszeit erinnerte, und fühlten uns buchstäblich wie nie zuvor im Leben. Seltsam berührt, angezogen von der Vorstellung, in eine Zeitmaschine geraten zu sei, und zugleich ratloser denn je. Es war ja total nett, daß die Bewohner der DDR uns als Nachbarn begrüßten. Aber was dann? Was sollte daraus werden?

Heute verspüre ich eine ähnlich Hemmung mich groß zu regen wie damals vor 20 Jahren.
Wie soll man sich auch äußern, wenn das kollektive Gedenken durch multimedialen Overflow in Bahnen gehypet wird, vor denen man sich sich erst mal nur in Sicherheit bringen will. Denke ich vielleicht, weil ich heute genauso wenig drin vorkomme wie 1989. Mit der Geschichte, die dort gemacht wurde und seitdem gemacht wird, wollte ich nie etwas zu tun haben. Sie ist nie meine geworden.
Oder doch?

Im Laufe der Zeit habe ich durch Freundschaften mit OstbewohnerInnen und durch Reisen einen anderen Zugang zu Deutschland und zum Osten errungen. Eine Entwicklung hin zu einem Zustand, den ich persönlich positiv nennen möchte.
Ich bin gelegentlich in Ostberlin gewesen, in Heiligenstadt, Mühlhausen, Erfurt, Gotha, Leipzig oder Dresden, auf Rügen oder im Spreewald. An einigen dieser Orte fingen persönliche Geschichten an, zu denen ich mir sofort Fortsetzungen wünschte.
Die Mauer in meinem Kopf ist nicht weg, so gar nicht, aber sie ist von einer Weltgrenze zu einer Brücke mutiert.

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20 Jahre Tschernobyl

Dieser plötzliche Wind abends, Ostwind ausgerechnet. Dazu diese Wärme, die uns sehr unnatürlich vorkam. Wie wir uns beim abendlichen Spaziergang gruselten und versuchten, uns vor dem Wind zu schützen.
Dieser lähmende Schreck, als die Tagesschau berichtete, daß das Weidevieh nicht raus dürfe bzw. in den Stall zurück müsse.
Die tagelang unklare Nachrichtenlage. Wilde Gerüchte, wo welche Wolke gerade entlang ziehe. Rätselraten, ob der Regen gefährlich sei oder nicht.
Es ballte sich zu einem intensiven Weltuntergangsgefühl. Nicht erst, als endlich Bilder kamen vom havarierten Reaktor. Die Phantasie, die auf dieses Unglück offenbar bestens vorbereitet war, malte gar zu bunte Horrorszenarien.

Als ich im Arte-Themenabend letztes Wochenende die Bilder von den Liquidatoren sah, diesen bedauernswerten Menschen, die da am eigenen Leibe ausbaden mußten, was Atomindustrie und Sowjetpolitik gemeinsam verbrochen hatten, wurde mir auch deutlich, wieviel ich selbst verdrängt habe. Von diesen grausigen Ereignissen vor 20 Jahren und von der nach wie vor vollkommen aktuellen Bedrohung jetzt.
Allein, es nützt ja auch nichts, sich die Gefahr ständig vor Augen zu halten. Es nützt genauso wenig wie die Proteste der Anti-Atom-Bewegung oder das sogenannte Atomausstiegsprogramm der letzten Regierung.
Ich weiß noch, wie wir damals begannen Apfelbäumchen pflanzen zu wollen – im brav lutherschen Sinne. Mittlerweile haben wir einige gepflanzt und ich finde das nach wie vor sinnvoll.

In seinem Konsumblog fragt Ralph Segert übrigens nach Erinnerungen an die Zeit vor 20 Jahren…

Hier gibt es eine an die Nieren gehende Photoserie von Robert Knoth über nukleare Albträume.

Wikipedia über die Katastrophe von Tschernobyl.

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Spaziergang durch Linden


Wo heute Haushaltsgeräte verkauft werden, war früher der Fahrrad- und Spielsachenhändler meines uneingeschränkten Vertrauens: Walter Deschner in der Deisterstraße. Dort kaufte ich alles. Von der Bowdenzug-Verkleidung über den Gesundheitslenker bis zur 8 schüssigen super echt aussehenden Schreckschuß-Automatik.
Heute ist vom ganzen Gefühl, das dieser Stadtteil für mich als Kind auslöste, nichts mehr zu spüren. Ganze Häuserzeilen sind verschwunden, andere unkenntlich verändert. Und die Leute sind andere, wie ja auch ich selbst.

Eine Reise durch die Musik (Rückschau 2005 / 1)

Wenn Sie mal Lust haben, in der Musik Ihrer Jugend oder der Ihrer Eltern zu stöbern, dann gucken Sie mal hier. Unglaublich, was da alles zusammengetragen wurde.
Was da allein beim Betrachten der Plattencover für Erinnerungen aufkommen –
und ganz spezifisch so einige Künstler, die ich nie mochte und mir trotzdem bei Freunden anhören mußte. Dieser Widerwille, der sich da noch heute sofort meldet, wenn ich nur die Namen höre, zB Crosby, Stills, Nash & Young und jeder von denen einzeln, Joan Armatrading, Joan Baez, Stevie Wonder oder Bob Marley, überhaupt Reggae. Nee nee, das war nix für mich.
Ich begeisterte mich eher für Pink Floyd, die frühen Genesis, Supertramp, Led Zeppelin, Deep Purple und Uriah Heep, später auch für Mike Oldfield, Jean Michel Jarre und Tangerine Dream. Und Police, Camel, Roxy Music, Thin Lizzy, die Beatles, Simon & Garfunkel, Abba und Eloy – fand ich alle toll.

In den letzten Jahren habe ich Musik wieder ganz neu entdeckt. Dieses Jahr begann mit Juli, eine geile, aber sehr kurze Zeit. Nachdem ich das Album zweimal gehört hatte, ging es mir schon auf den Keks. Und dank solchen Ätz-Sendern wie ffn kriegt man das ganze Jahr diese Dinge so lang um die Ohren gehauen, bis man nur noch schreiend rausrennen möchte.
Nur bei Avril Lavigne ist ihnen das nicht gelungen. Die hat mich das ganze Jahr durch begleitet, vor allem together.
Und auch Depeche Mode machen sie mir nicht madig. Das laß ich einfach nicht zu.
Neu entdeckt habe ich dieses Jahr Nightwish. Kann ich nicht immer hören, aber ein paar Stücke, nicht nur Nemo, sind wirklich äußerst gut zu hören. Besonders gefreut habe ich mich, daß Garbage endlich eine neue Platte herausgebracht haben, auch wenn sie mir nicht auf Anhieb gefiel. Aber ich arbeite dran. Dauerhaft gut finde ich nach wie vor Radiohead (z.B: the bends!) und Smashing Pumpkins (vor allem: Adore).
Ausschau halten muß ich unbedingt mal nach stationary traveller von Camel, habe da Rezensionen zufällig entdeckt.
So, das war jetzt mal so ein par-force-Ritt quer durch. Ohne irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und ohne daß ich mich der Mainstreamigkeit meines Geschmacks irgendwie schämen würde. Aber Hinweise, Tipps und CD-Geschenke aller Art werden jederzeit gern genommen :-)

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Räucherstäbchen

Was ja fast schon geeignet wäre, mich mit der Institution Whynachzmarkt zu versöhnen, das sind so ein, zwei Stände, an denen man so sinnvolles Zubehör wie Jade-Elephanten, Tisch-Nilpferde aus Alabaster, indische Tücher aus Baumwolle in allen möglichen wunderschönen Farben und Mustern und Räucherstäbchen kaufen kann.

Wie das da duftet!

Dieser Duft hat auf mich stets die Wirkung einer Zeitmaschine. Flugs befinde ich mich etwa im Jahre 1975 und stöbere in hübschen kleinen Sätzkästlein, die anmutige Teile meiner Jugend enthalten.

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Zonenblende

Die Idee eines Photoblogs zum deutsch-deutschen Thema nimmt Gestalt an.
Pünktlich zum Tag des Mauerfalls geht das Projekt ZonenBlen.de an den Start. Wir setzen auf euer reges Interesse und hoffen auf begeisterte Beteiligung.

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Wäscherei Schneeweiß 1997


Es gab 1997 noch einen Schornstein. Daß der gesprengt (?) wurde, ist mir dereinst leider völlig entgangen.
Und auch ein paar hundert Meter weiter südlich gab es einen Schornstein, direkt am Rosdorfer Weg. Auch davon fehlt heute jegliche Spur. Damals wurde die zweite (Not-)brücke neben der eigentlichen Leinebrücke des Rosdorfer Weges gerade in Betrieb genommen, zunächst für den Autoverkehr.

So verschwindet die Göttinger Industriekultur.

Gruß an die Vergangenheit

Gestern im Zug nach hause fiel mir plötzlich ein, was sich heute zum dreißigsten Mal jährt: wie Carsten mich zu einer Radtour von Hannover ans Steinhuder Meer einlud. Gemeinsam mit ein paar Menschen, von denen mich eine ganz besonders interessierte.
Es war ein milder Tag, nicht so sonnig wie heute, aber sehr angenehm. Zuerst fand ich das eine Schnapsidee, hatte eigentlich gar keine Lust, wollte lieber ausschlafen. Der Reformationstag war damals für Schüler noch Feiertag.
Aber ich gab mir einen Ruck und fuhr mit.

Der Tag ging als einer der besondersten in meine Geschichte ein, war für mich ein Ausbruch aus dem bis dahinnigen Leben, der Beginn von etwas wirklich Neuem und Wunderbarem.
Noch heute bin ich euch, die ihr dabei wart, innerlich sehr verbunden, auch wenn wir uns im tatsächlichen Leben seit zu vielen Jahren aus den Augen verloren haben.

Carsten, Katharina, Hannes und Bine, seid einmal ganz besonders gegrüßt. Von hier aus, da ich nicht wüßte, wie sonst.