Corpora delicti

Diese Graffiti zieren seit einiger Zeit (seit Monaten?!) eine ansonsten unscheinbare, um nicht zu sagen häßliche Betonwand an der Rückseite eines Parkplatzes mitten in Göttingen.
Hätte nicht das GT darüber berichtet, sie wären mir nie aufgefallen, weil man sie von der Straße aus nicht sieht. Da aber der Staatsschutz (!) hier ermittelt, erschienen nun schon mehrere Artikel im Lokalblatt zu diesem Vergehen im öffentlichen Raum.

Die Graffiti beziehen politisch Stellung zu Flüchtlingslagern, zu Sexismus und zu systematischer Gewalt.
Die Frage, ob das Kunst sei oder wegkönne, ist inzwischen so abgedroschen, dass sie schon peinlich rüberkommt, insbesondere angesichts solcher herausragenden Arbeiten, die alles andere als banal sind, deren Statements man aber eben auch nicht mit einem Achselzucken abtun kann. Womöglich nötigen sie der Betrachter*in den einen oder anderen Gedanken ab.
Aus meiner Sicht handelt es sich ganz klar um eine Aufforderung: Denk mal!

[Edit am 18.02.21]
Das Göttinger Tageblatt titelt (Verlinkung nur als Beleg – ohne Abo ist der Artikel leider nicht abrufbar), dass der OB seine Anzeige wegen Sachbeschädigung nicht zurückziehen wolle. Denn der Satz “Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Farbanschlag” sei möglicherweise ein Aufruf zur Gewalt.

Es sind solche Reaktionen und Verhaltensmuster, die in mir stets neu die Frage hochkommen lassen, ob Göttingen wirklich meine Stadt ist.

Wissenschaft und Politik – in Zeiten von Corona

Also ich bin ja kein Youtube-Gucker. In den Jahren, seit es diese Institution gibt, habe ich natürlich immer mal da reingeschaut, mir die 10 gefährlichsten Monsterwellen, die 10 haarigsten Flugzeugbeinaheabstürze oder die 2000 übelsten Situationen im russischen Straßenverkehr angeguckt. Ganz selten auch mal Musikvideos, bevor es Spotify gab. Gruseln und Schmunzeln. Also nix ernsthaftes.

Aber jetzt bin ich auf einen Kanal gestoßen, in dem eine aufgeweckt und so gar nicht überkandidelt wirkende junge Frau erklärt, wie das mit Corona läuft. Unter anderem, vor allem aber auch: MaiLab heißt das. Und wahrscheinlich kennen Sie alle schon Mai Thi Nguyen-Kim. Falls nicht, sie ist promovierte Chemikerin und hat sich gegen ein gutes Jobangebot in der Pharmaindustrie und für ein vermutlich deutlich ungewisseres Dasein als Wissenschaftsjournalistin entschieden. Allein das macht sie mir schon sehr sympathisch. Aber was ich vor allem cool an ihr finde, ist, wie sie in normal wirkender Sprache, die weder abgehoben noch simpel daher kommt, komplexe Zusammenhänge erklärt, so dass ich die nur durch Zuhören verstehe. Außerdem kann ich ihre taktvolle Art unangenehme Wahrheiten zu erläutern nur bewundern.
Mai Thi schneidet ihre Videos knapp zusammen, ähnlich wie z.B. Rezo, den Sie hoffentlich von seinem vielbeachteten Clip “Die Zerstörung der CDU” oder von seinem jüngsten Statement zum Abitur 2020 kennen. Im Resultat bewirkt diese Art des Videoschnitts ein extrem kompaktes Videoerlebnis, bei dem man nicht mal eben wegnicken oder gleichzeitig Mails lesen kann. Denn alle unnötigen Füllwörter, Ähs oder Pausen glänzen durch Abwesenheit. Das kann anstrengend sein, in Mai This Fall finde ich es motivierend und ermunternd.
Dringende Empfehlung zum Einstieg: Corona geht gerade erst los!

Also, ich bin kein Youtube-Gucker und vor Herrn Drosten habe ich mich auch für Virologen nur sehr am Rande interessiert. Das ändert sich jetzt, weil ich wahrnehme, dass unsere PolitikerInnen in der Corona-Krise zwar insgesamt einen guten Job zu machen scheinen, im Detail aber hier und da zu merkbefreit um nicht zu sagen ahnungslos sind. Ein Herr Laschet hat sich in der Anne-Will-Sendung vom 26.4.20 jedenfalls erfolgreich blamiert, was das anbelangt. Und damit steht er nicht allein da. Der Lindner, der einfach keine Gelegenheit auslassen kann Wahlkampf zu machen, wirkte gegen den überzeugenden Karl Lauterbach nicht wesentlich bedachter.

Nun können Sie einwenden, der Lauterbach sei ja auch Mediziner. Stimmt. Aber in so sensiblen Zusammenhängen wie der Pandemie haben Politiker, die Entscheidungen von erheblicher Tragweite fällen müssen, die Pflicht, sich anständig zu informieren und die Thematik nicht nur schon mal gehört sondern durchdrungen zu haben. So kompliziert ist sie dann ja doch nicht.

Entscheidungen über Lockerung oder Fortsetzen von Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie müssen natürlich ganzheitlich getroffen werden. Der Infektionsschutz ist ein Aspekt, aber die Leute dürfen nicht statt an Corona an Magendurchbruch sterben, weil sie sich vor lauter Angst nicht zum Arzt trauen oder – zuhause eingesperrt – ihre ganz persönliche Krise kriegen. Soziale, psychologische und natürlich auch ökonomische und okölogische Aspekte müssen dringend bei allen Entscheidungen berücksichtigt werden. Insofern ist es die Pflicht der Politiker, auf Virologen, Psychologen und die jeweiligen Fachleute der anderen Disziplinen zu hören. Und nicht nur auf die Lobbyisten der Autoindustrie oder der Dehoga.

Und wir? Ahnung, was gerade wichtig ist, tut uns allen gut. Kontaktbeschränkung ist keine willkürliche Schikane, sondern eine der wirkungsvollsten Maßnahmen, die erst einmal Leben retten kann. Klar, dass sie kein Selbstzweck sein darf.

Corona und das Abitur

In wenigen Wochen sollen circa 16.500 SchülerInnen in Deutschland ihre Abiturprüfungen ablegen.

Warum eigentlich?!

Die Notwendigkeit dafür ist genauso wenig verständlich wie die Beharrlichkeit u.a. der Niedersächsischen Landesregierung die Prüfungen unter den gegebenen Bedingungen durchzusetzen.
Dabei wurde die erforderliche Leistung für das Abitur von den SchülerInnen bereits zu 2/3 erbracht. Die erwünschte Differenzierung der Leistungsstände ist längst ausreichend gegeben. Wohingegen die Abiturqualität, auf die die Regierung insistiert, ohnehin kaum vergleichbar sein wird, da die aktuelle Situation sich von der früherer Jahre grundlegend unterscheidet.
SchülerInnen, LehrerInnen und Schulbeschäftigte sollen ihre Gesundheit und die ihrer Familien durch die erhöhte Infektionsgefahr riskieren . Die anvisierten Sicherheits- und Hygienebedingungen sind bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht hinreichend geklärt und kritisch zu hinterfragen. Selbst wenn Klassen geteilt werden und nur 15 SchülerInnen statt 30 SchülerInnen in einem Raum zusammen kommen um ihre Abiturprüfungen zu schreiben, sind das immer noch 14 Menschen zu viel.

Sämtliche größeren Veranstaltungen wurden bereits bis zum 31.08.2020 verboten. Die Tatsache, dass der Einzelhandel wieder geöffnet hat und dort mehrere Menschen auf kleinem Raum zusammen kommen, stellt eine ganz andere Situation dar als die Abiturprüfungen. Denn in Geschäften kommen meist noch weniger Menschen zusammen als in Klassenräumen – und verbringen beim Einkaufen keine 4 bis 6 Stunden mit denselben Anderen in einem Raum. Im Übrigen gibt es für die Abiturprüfungen keine existenzielle Notwendigkeit, währne das Überleben des Einzelhandels tatsächlich davon abhängt, dass er wieder in Gang kommt.

Der Abiturjahrgang (sowie andere Abschlussklassen) 2020 muss mit der seit vielen Wochen anhaltenden Isolation leben und der stetigen Ungewissheit über das, was kommt. Er wurde von einem auf den anderen Tag aus dem Schulleben herausgerissen, musste auf alle positiven Begleitereignisse des Abiturs verzichten (wie z.B. Mottowoche, Abischerz, Abiball), konnte in vielen Fällen den abiturrelevanten Schulstoff nicht vollenden oder die angekündigte Wiederholung des Stoffes nicht fortsetzen. Er konnte sich auch nicht in privaten Lerngruppen auf die Prüfungen vorbereiten. Stattdessen sieht er sich einer Zukunft gegenüber, die noch nie so ungewiss war: Wann wird es wieder ein relativ “normales Leben geben” – wie vor der Krise? Wird ein Studienanfang oder der Einstieg in eine Ausbildung dieses Jahr möglich sein? Wenn ja, wo? Was wird aus anderen Plänen wie FSJ oder sonstigen größeren Vorhaben, insbesondere im Ausland?

Wozu überhaupt Abitur-Prüfungen?

Die Vergleichbarkeit, die der niedersächsischen Landesregierung so wichtig ist, ist unter diesen Umständen sowieso nicht gegeben. Aber auch nicht notwendig! Denn das Hamburger-Abkommen von 1964 sichert jedem Absolventen die Anerkennung von Schulabschlüssen aller Bundesländer zu.

Dass es auch ohne Abiturprüfungen geht, sieht man an Frankreich, Niederlande, Belgien und Groß Britannien! Und dank der Abkommen der EU werden künftig auch Franzosen oder Belgier in Deutschland studieren dürfen.

Es darf nicht sein, dass SchülerInnen das gesundheitliche Schicksal ihrer Familie oder ihrer LehrerInnen aufgebürdet wird, nur damit sie sich den überkommenen Initiationsriten der Leistungsgesellschaft unterwerfen können.
Das Durchschnittabitur, dessen Note einfach aus den Zeugnisnoten der letzten Schuljahre gebildet wird, sollte ausreichen!

Europa wählen

Streetphoto mit Kopfsteinpflaster und einsamer Person, die Richtung Sonne geht
Selten ist es treffender und gefühlvoller rübergekommen als in Böhmermanns Lied Allein sind wir allein.

Am Sonntag kann es nichts Wichtigeres geben als wählen zu gehen: für besseres Klima und für die offene Gesellschaft in Europa!

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Zur Europawahl


Hier können Sie Ihre Wahllehre draus ziehen:
Etwas mehr Inhalt braucht Europa schon zum Überleben!

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fridays for future

Unsere Kinder machen es uns vor. Ich finde das großartig und genau richtig.

Wir können nicht einfach immer nur bequem so weiter machen wie bisher, sondern müssen all die Veränderungen, über deren Notwendigkeit wir uns seit Jahren im Klaren sind, endlich umsetzen. Und zwar grundsätzlich und konsequent.

Es reicht nicht, ein paar E-Mobil-Ladestationen zu installieren oder die etwaige Möglichkeit von Dieselfahrverboten zu erwägen. Stattdessen muss endlich die Individual-Mobilität an sich in Frage gestellt werden. Auf dem Weg dahin allerdings: Leute, lasst eure schweren Diesel und vor allem eure extrem umweltfeindlichen SUVs in der Garage und schwingt euch aufs Fahrrad. Fahrt aus eigener Kraft, steigt Treppen, geht zu Fuß! Und wenn es zu weit ist, fahrt Bahn oder Bus!

Es geht auch einfach gar nicht, dass angesichts des Aussterbens von 75% aller Insekten in den letzten 30 Jahren in Deutschland erneut Insektizide für die landwirtschaftliche Nutzung freigegeben werden, statt diese sofort grundsätzlich zu verbieten.

Heute ist weltweiter Klimaaktionstag. Abertausende Schüler und hoffentlich auch ein paar Eltern gehen auf die Straße und geben uns zu verstehen, dass was passieren muss. Begreifen wir es als Chance, ja mehr noch: als Gelegenheit, die hoffentlich nicht die letzte sein wird, unser Leben so zu verändern, dass es auch morgen noch lebenswert sein wird!

Übrigens gibt sogar das Wetter selbst heute erneut ein klares Statement ab und stürmt!

Gerade im Zweifel für Europa

Natürlich gibt es reichlich Gründe gegen die EU zu meckern bzw. viele Gründe sie zu verlassen oder gleich abzuschaffen.
Ich finde, es gibt deutlich mehr und vor allem wichtigere Gründe, im Sinne der offenen Gesellschaft und des Friedens, in dem wir in Europa seit Jahrzehnten leben –
für ein vereintes Europa!

In diesem Sinne, vielen Dank Monsieur Macron, für Ihren Appell!
Es gibt einige Passagen in Ihrem Brief, die vielleicht nicht wirklich zielführend oder zumindest wahnsinnig ungenau formuliert sind, wie etwa Ihre Einlassungen zur Abschottung der Grenzen. Wir sollten uns klar gegen feindliche Übernahmen durch global player abgrenzen, stattdessen immer offen sein für Menschen in Not – auch in wirtschaftlicher Not – die oft genug erst durch Verfolgen europäischer Interessen entstanden ist.
Und ja, wir müssen unbedingt klare Positionen beziehen für klima-erhaltendes Wirtschaften, für die Unantastbarkeit der Würde aller Lebewesen – und für eine Entwicklung und Nutzung der Informationstechnik, die sich nicht daran orientiert, was möglich ist, sondern an dem, was für Erhalt und Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten notwendig und förderlich ist!
Das tut Ihrer Sache aber keinen Abbruch. Im Gegenteil, ich danke Ihnen für Ihre Entschlossenheit, dafür, dass Sie es einfach getan haben: uns allen zu sagen, was jetzt Sache ist. Worum es bei der Europawahl geht.

In diesem Sinne: bonne chance, Monsieur Macron! Und vor allem: alles Gute, Europa!

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der Atomstaat…

…und das nukleare Proletariat.
Erinnern Sie sich an Silkwood? Eine wahre Geschichte, die einen damals in den 80ern schon in all seinen Befürchtungen aufs unangenehmste bestätigte. Was sich heute in Japan abspielt, ist eine vielfache Potenzierung dieses Leids, dieses Übels!
Die Definition der Sicherheit von Atomkraftwerken ist offensichtlich überhaupt nur möglich, wenn man den großen Anteil an Menschen, Tieren, Pflanzen und einfach Welt, der durch Atomkraft zu Schaden kommt, ausblendet. Sie erklären einfach gewisse Landstriche oder Meeresbereiche zu verbotenen Zonen, schirmen nicht nur die Strahlung, sondern auch jegliche Nachrichten aus diesen Zonen ab – und tun dann so, als seien wir “sicher”.
Frei nach dem Motto: Irgendwer muß halt in den sauren Apfel beißen. Irgendwie sind ein paar tausend oder hunderttausend Menschen ja auch nur irgendwelche Typen. Wen interessiert schon, wieviele von ihnen ausnullen. Und auf welche Weise.

Handbuch der Hilflosigkeit

Nicht nur die 50 Helden von Fukushima gucken weitestgehend hilflos den katastrophalen Ereignissen zu, stolpern durch Schutthalden und patschen hungrig und übermüdet durch radioaktives Wasser, auch das Management der Betreiberfirma zeichnet sich durch unfaßbare Planlosigkeit aus. Die Chronologie der Ereignisse des vergangenen Monats kann man getrost ein Handbuch der Hilflosigkeit nennen, das die japanische Regierung mit ihren täglich neuen und immer wieder gleichen Durch- und Hinhalteparolen formell besiegelt.
Und die Welt sieht derweil hilf- und planlos zu, wie nicht nur ein ganzes Land nach und nach radioaktiv verseucht wird, sondern auch das Meer. Das Grauen breitet sich seit einem Monat ungehindert aus.
Sie können aber beruhigt sein: für Sie besteht keinerlei gesundheitliche Gefahr. Alle Werte sind weit unterhalb der gesundheitlich bedenklichen Grenzwerte.
Wir haben das im Griff, das Handbuch der Hilflosigkeit, blättern darin, lassen uns gelegentlich aufschrecken von den Drohgebärden der Atomkonzerne, die den Strom teurer machen wollen, den wir doch einfach nur aus der Steckdose benötigen. Für unsere Akkus. Damit wir on bleiben und allzeit informiert sein können. Bzw damit wir uns weiterhin eine Traumrealität so zusammenklicken können, wie wir sie gerade benötigen.