In den Seilen

Drohend schwarz aufgetürmte Blumenkohlwolken waren es, die den Himmel tief verhängten. Eine dunkelblaugraue dicke Masse lag, schwer triefend und schweißtreibend, über den rostroten Dächern der Stadt. Die Luft konnte man schon nicht mehr drückend nennen – sie war zähflüssig. In unheimlich schneller Folge zuckte es über den ganzen Himmel verteilt milchig hellblau auf, gefolgt von böse anmutendem Grummeln.

Es war schon fast da, das erste Gewitter des gerade eben begonnenen Sommers. John Meyer erwartete sehnlichst den alles erlösenden Wolkenbruch. Der jedoch ließ sich Zeit. Der quarzgesteuerte Eierkocher mit eingebautem Radiowecker zerbarst beinahe unter der Spannung, die Petrus grollend erzeugte.

Unser Held saß in der Küche und brütete stumpf über uralten Tagebuchaufzeichnungen. Wie schon des öfteren ließ er einzelne Szenen aus dem Film, der sein Leben zeigte, vor seinem geistigen Auge ablaufen. Seit geraumer Zeit bereits nämlich konnte er sich des Eindrucks nicht mehr erwehren, daß sein Leben dahingehe, ohne daß er etwas Nennenswertes vollbringen oder darzustellen imstande wäre. Letztlich schien auch rein gar nichts Neues mehr sich ereignen zu wollen. Da war der Rückgriff auf alte Filmrollen oft die einzige Möglichkeit, dem Versinken im Bodenlosen entgegenzuwirken.

Als die Blitze so nahe waren, daß ihre Zickzacklinien sich unbarmherzig in Johns Hornhaut hineinbohrten, und die Donnerschläge unmittelbar darauf beinahe das Mauerwerk zu sprengen schienen, entrann John widerwillig seiner Lethargie, sah sich aus all den trüben Gedanken gewissermaßen jäh herausgerissen.

Und endlich begann es dann auch zu regnen; mit einer Kraft und Mengen an Flüssigkeit, daß sich die Frage aufdrängte, ob das je wieder aufhören würde, ob die Welt womöglich für immer versinken würde. Und wenn nicht im Regen, dann in dieser Frage, und in dieser dann auch John.

Zaghaft wurde das Küchenfenster geöffnet, ein eingeschüchterter Kopf hinausgestreckt in die tosenden Elemente, deren Urgewalt so etwas beschämend Konkretes hatte. Und dann dieser plötzliche, gemeine Schreck, als es ganz in der Nähe, in die Spitze des benachbarten Kirchturms tatsächlich einschlug! Begleitet von einem grausigen Knall, der noch Minuten, so schien es, nachhallte, von den Hauswänden, der nassen Straße und in Johns Ohren. Sofort schloß er das Fenster, wandte sich um und ließ sich langsam auf den Stuhl niedersinken und wurde gewahr, wie sich elementarer Ernst seiner bemächtigte. Wenn doch jetzt wenigstens irgendwer dawäre! dachte er flehend. Doch er war allein; alle Leute, die er kannte, waren bei irgendwelchen Freunden.

John Meyer war es seit geraumer Zeit nicht mehr gelungen, irgendjemanden für sich begeistern. Ganz zu schweigen von seinem allzu direkt gezeigten Desinteresse anderen gegenüber. Er hatte keine Freunde mehr. Er litt unter der Überzeugung, daß ja sowieso niemand ihn verstehen und niemand ihm das Wasser reichen könne.

Dann war das Ärgste überstanden. Das Gewitter war zu unbedenklichem Wetterleuchten übergegangen, die Luft ließ sich wieder atmen. Die unmittelbare Gefahr war ein weiteres Mal an ihm vorübergezogen. Doch nun? Kam erneut Trübsal auf, allgemeiner ungreifbarer Natur, füllte sofort besitzergreifend den ganzen Raum, belegte nicht nur alle Gegenstände, sondern auch alle Handlungsmöglichkeiten mit klebriger Apathie.

Sodaß John Meyer  tief und tiefer in immer mehr anwachsendes Selbstmitleid versank, bis er letztlich bitterlich zu weinen anhob, schluchzend den Kühlschrank öffnete, ihm eine Tüte Milch entnahm, sich einen starken Kakao rührte und ihn hastig austrank.

Als es irgendwann dann an der Tür klingelte, war er schon fast versunken, die Realität schubberte an seiner Oberfläche, ohne sie indes noch wirklich durchdringen zu können. Er ließ seine Schwester herein, welche die Situation intuitiv rasch erfaßte und zum bewährten Hausmittel schritt: sie schleifte John, der kaum Widerstand leistete, ins Bad, bugsierte ihn in die Wanne und duschte ihn eiskalt ab. Es dauerte lange, bis er wie durch dichten Nebel wahrnahm, was ihm widerfuhr. Dann jedoch erholte er sich behende und verlor keine Zeit mehr, endlich sein ganzes aufgestautes Leid loszuwerden. Die Schwester packte seelenruhig ihr Strickzeug aus, ließ ihn wie gewohnt lamentieren und sah es überhaupt nicht ein, seiner lauten Absicht, sich umzubringen, irgendetwas zu entgegnen.

Er werde in’s Wasser gehen, ja, das sei die einzige Lösung! rief er.

Nun floß zwar vorm Haus kein Bach, auch war dort weder ein See noch das Meer. Trotzdem nahm John sorgfältig Anlauf, hechtete gekonnt durch das geöffnete Fenster und verschwand in undefinierbarer Tiefe.

Die Schwester blickte genervt auf von ihrem Strickzeug, ließ einige Augenblicke unschlüssig verstreichen, dachte mehrmals: Nicht schon wieder!, stand dann aber doch zähneknirschend auf und trat ans Fenster. Mitleidig blickte sie hinab in den Abgrund, fünf Stockwerke unterm Fenstersims die Straße, unten ein paar Passanten, die aufgeregt rumfuchtelten – und etwa zwei Meter unterm Fenster John, am Seil hängend, an dem er sich vorige Woche hatte aufhängen wollen, was mißglückt war, weil der Haken in der Decke nicht gehalten hatte.

Demonstrativ schnaufend hangelte er sich wieder hoch, ließ sich von seiner Schwester hereinhelfen, schloß eilig das Fenster, weil ihn nicht interessierte, was die Leute auf der Straße an Kommentaren abzugeben hatten, ertrug mannhaft den tadelnden Blick der Schwester, die nun wieder eine Masche verloren hatte – und rauchte erstmal eine.

Ach Ka, nuschelte er, es ging wieder nicht!

Tatsächlich?! erwiderte Ka, eifrig mit der Suche nach der Masche beschäftigt.

Nein, maulte John. Ich bring’s einfach nicht fertig.