Tischgemeinschaft als Lockdown-Bewältigung

Seit Monaten finden wir uns immer wieder am Wohnzimmertisch ein, meine Tochter und ich, bewohnen jede eine Tischseite. Zum Essen notwendige Utensilien bleiben liegen neben Handy, Tablet, Ladegeräten, ungeöffneten Briefen von Spendenerbittern oder der Krankenkasse. Auf der Bank am Tisch stapeln sich ausgemusterte Gegenstände, die ich gerade bei ebay Kleinanzeigen zu verkaufen versuche. Ein Glockenspiel, ein altes Tablet…

Statt dass wir in unseren eigenen Zimmern sitzen, wo sie ihre Staffelei, Farben und Pinsel hat, ich meinen Schreibtisch mit Computer drunter und Boxen obendrauf – aber wir jeweils allein wären, finden wir uns lieber zusammen, machen beide unser Ding und gucken uns gelegentlich über den Rand unserer Devices an, reglos, sorgenvoll oder lächelnd oder auch nicht.

Perspektiven entwickeln

Hin und wieder entstehen Gespräche. “Und? Was ist heute so dein Plan?” – “Och, weiß noch nicht. Nichts besonderes.”
Wenn es sein muss, planen wir, was es abends zu Essen geben soll. Immer wieder diskutieren wir darüber, was Corona in unserem Leben anrichtet. Genauer gesagt die Maßnahmen der Regierung(en). Ich versuche mindestens einmal täglich sie zu ermutigen. Dass der Lockdown irgendwann vorbei sein und das Leben sich wieder normalisieren wird.

Die Perspektive ist für junge Menschen, die das Abi hinter sich und eine weitere Ausbildung vor sich haben, gelinde gesagt schwierig. Beratungsgespräche zur Wahl eines Studiums sind unter Lockdown-Bedingungen (online oder telefonisch) noch mühsamer als ohnehin schon. Ihr großer Traum war seit Jahren nach dem Abi erst einmal auf große Reise zu gehen. Südostasien, Neuseeland, Südamerika. Corona hatte schon das Abi selbst versaut, alles drum herum und danach erst recht.

Meinen Rat die großen Ziele einfach erstmal ruhen zu lassen und mit kleineren näher liegenden anzufangen hat sie letzten Herbst gern aufgegriffen und ist durch Portugal, Spanien und auf die Kanaren gereist – exakt so abgepasst, dass sie vor der zweiten Welle in Spanien nach Hause zurück kam, wo sie eines Abends überraschend vor der Gartentür stand. Drei Monate ist sie unterwegs gewesen und hat tolle Sachen erlebt, Traumlandschaften gesehen und liebenswerte Menschen kennengelernt.

Seit ihrer Rückkehr ist der Wohnzimmertisch Planungszentrum für alle neuen Aktionen. Sie hat sich schnell und zielsicher einen Job bei Rewe besorgt, wo sie täglich ein paar Stunden Regale einräumt. Das gibt ihrem Tag ein wenig Struktur und bringt ein bisschen Geld ein.

Etwas Sinnvolles finden

Oft und aufwühlend haben wir beraten und gestritten, ob es nicht auch möglich sein müsste, sinnvolle Perspektiven für die nächste Zeit zu entwickeln. Nicht nur auf die nächste Reisemöglichkeit zu warten, sondern sich irgendwo zu engagieren, zu informieren wenigstens oder etwas auszuprobieren. Sie hat sich daraufhin nach Praktikumsmöglichkeiten umgeschaut, sich mit viel Aufwand beworben, aber letztlich nur Ablehnungen bekommen. Praktika können unter Lockdown-Bedingungen vielleicht auch nicht sinnvoll funktionieren.

Wie wäre es sich stattdessen irgendwo in der Welt für soziale oder ökologische Projekte zu engagieren? Haben Sie das schon einmal probiert? Tatsächlich ist das viel schwieriger, als man denkt. Zumindest ohne Ausbildung. Die meisten Angebote in dieser Richtung erwarten von den Volunteers, dass die jungen Leute selbst dafür zahlen, dass sie arbeiten dürfen. 2 Wochen arbeiten dürfen = 2000 €. Nicht Lohn, sondern Kosten. Abgesehen von der Frage, wer wohl so viel Idealismus (oder äh…?) aufbringt, frage ich mich, wer letztlich daran verdient.

Mir selbst hatte ich auch erträumt, reisen zu können: Städtetouren zu machen wenigstens, eigentlich aber auch erneut Expeditionen nach Vietnam, Cuba oder in die USA zu unternehmen. Stattdessen mache ich seit einem Jahr vor allem Spaziergänge. An guten Tagen bis zu 15 Kilometer. Der Hund wirkt oft schon ganz gestresst, weil ich schon wieder mit ihm raus will. Und ist stets aufs Neue froh, wenn ich wieder am Tisch sitze, in mein Tablet starre oder über dessen Rand blinzele, den Instagram-Feed durchwische oder die Tochter frage, welche Serie sie gerade binget.

Nachrichten und dann?

Nachrichten ertragen wir beide nicht mehr, vor allem nicht die schon viel zu lange ewig gleichen Wasserstandsmeldungen der tagesschau. Oder die mahnend erhobenen Zeigefinger von Virologen oder Regierungsfuzzis. Es geht nicht darum, dass wir coronamüde sind (wer ist das nicht!), sondern darum, dass die meiste „Berichterstattung“ sehr einseitig immer dieselben Zahlen präsentiert, die fast nie in Relation zu „normalen“ Krankheits- und Sterbezahlen gesetzt werden. Das Land, die Welt im permanenten Krisenmodus. Und es geht natürlich darum, dass den zuständigen Organen seit Monaten nichts Neues mehr einfällt und sie ihre ohnehin schon armseligen Pläne nicht umgesetzt bekommen, sondern sich in Skandale verwickeln. Das wäre für sich schon Thema für eine ganze Serie von Blog-Artikeln.

Abends glotzen wir neben Serien (düster, verstörend und mit anschwellender Spannung) gern die Satireshows, die offenbar in der Pandemie die Aufgabe seriöser Berichterstattung übernommen haben – und auf die letztlich dieselben Kriterien wie auf die Serien zutreffen. Insbesondere der eigentlich ewig gestrige Sender ZDF hat da ein paar Formate entwickelt, von denen sich Tagesschau und Konsorten mal ne ordentliche Scheibe abschneiden sollten. Was wären wir ohne die Anstalt, heute-show oder ZDF-Magazin Royal?!

Spätestens am späten Vormittag des folgenden Tages sitzen wir dann wieder am Wohnzimmertisch.
So vergeht Tag um Tag und es ist uns längst klar, der Lockdown bleibt fürwahr immerdar.

Lauftagebuch

Liebes Tageblog, heute bin ich zum ersten Mal in diesem Jahr wieder gelaufen. Endlich! Trotz der langen Pause ging es ziemlich gut gar nicht mal so schlecht. 5 km mit nur 1 Gehpause und das in 32:30. Da war ich zufrieden mit.
Getraut habe ich mich ausgerechnet heute, weil es weder regnete, noch schneite, noch glatt war – und auch nicht stürmte.
Alles Ausreden, die ich früher nie hätte gelten lassen. Aber seit mein Knie begonnen hat Zicken zu machen bzw. mir das Laufen irgendwie übelzunehmen, indem es einfach mal wehtut, nehme ich auch gern Ausreden, die eigentlich, naja – Sie wissen schon.

Vor allem aber hatte ich heute Termin beim Orthopäden. Und ehe ich da nun hingekommen wäre mit “eigentlich habe ich ja Knie, nur heute gerade nicht – tja, Vorführeffekt, mh blöd, aber wie gesagt: sonst tut es immer weh…” – deswegen dachte ich, laufe ich mal lieber, dann wird es schon.

Es wurde auch. Der Orthopäde war zufrieden, attestierte meiner Beinmuskulatur “hohes Niveau” (ich wuchs unmittelbar mindestens 3 Zentimeter!) und empfahl mir eine Eigenblutbehandlung. Die aber eigentlich jetzt nicht nötig sei, weil ja eigentlich nichts schlimmes ist: Altersentsprechende Abnutzungserscheinung, eher weniger, als meinem Alter entsprechen würde. Dazu verständnisvolle Blicke, die keinesfalls meinten, ich solle mich mal nicht so anstellen.

Also wird es jetzt wieder deutlich schwieriger werden, Ausreden zu finden.

Corona-Tagebuch

Vielleicht klingt das völlig verrückt, doch statt mich so viel mit coronösen Dingen auseinanderzusetzen, wie uns die Nachrichten offenbar gern nötigen würden, verdränge ich lieber soviel davon wie möglich. Verdrängen heißt nicht Leugnen. Nur: mich nicht kirre machen lassen. Auch als Radfahrer begebe ich mich täglich in Lebensgefahr. Überhaupt im Straßenverkehr. Auch im Leben selbst.
Aber – ich will gar nicht tiefer in diese bodenlose Thematik.

Nur soviel: unsere Situation perpetuiert sich. Der scheinbar ewige Lockdown lässt das Gefühl für Zeit verloren gehen. Ich weiß das Datum nicht mehr. Nur noch manchmal den Wochentag. Mein Sohn, der seit Wochen bei uns wohnt, weil er an seinem Studienorte vereinsamt, ist nur noch melancholisch drauf. Meine Tochter, die vom großen Reisen nach dem Abitur (2020) geträumt hat, noch mehr. Wir Eltern werden immer stiller. Wir alle kommunizieren immer weniger, weil es auch immer weniger zu sagen gibt. Oder weil es irgendwie immer mehr schmerzt.
Die Verdrängung führt zu Verspannungen: Schultern, Kreuz, Knie. Chronisch. Der Besuch bei der Physiotherapeutin ist schon zu lange das Highlight der Woche.
Trockene Augen vom fast ununterbrochenen Starren auf Displays. Abends immer wieder Versuche, uns zu dritt oder viert auf einen Film oder eine Serie zu einigen, die wir alle irgendwie mögen könnten. Um etwas gemeinsam zu erleben. Während des TV-Konsums in kurzen Abständen auf dem kleinen persönlichen Display checken, ob es bei Instagram neue Likes gibt oder auf dem Messenger etwas, worauf man antworten kann / muss / darf.

Und dabei gehts uns ja gut. Ich darf echt nicht klagen.
Nur ein bisschen konstatieren und dabei lamentieren (ist das dann konsternieren?) muss gerade mal sein.

Was mir indes noch echt wichtig ist: wir haben alle dieses Problem. Worldwide. Ganz sicher in sehr unterschiedlicher Ausprägung und mit extrem unterschiedlichen Begleitumständen. Gerade deswegen sind mehr denn je Mitmenschlichkeit und Solidarität mit allen, denen es schlechter geht, eine ziemlich gute Idee.

Waldbaden als Corona-Prophylaxe

Waldbaden als Corona-Prophylaxe
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Bleibt nicht zuhause!

Seit gut zwei Monaten leben wir mit den Beschränkungen, die uns vor dem neuartigen Corona-Virus schützen sollen. Das Abstandsgebot konnte ich sofort nachvollziehen, das “stay home!”, das einem plötzlich von jedem vermeintlichen Besserwisser entgegenhallte, umso weniger. Insbesondere die eigentümliche Selbstgerechtigkeit, die bei vielen damit einherging, rief meinen Widerspruch hervor.
In Niedersachsen wie auch in anderen Bundesländern gibt und gab es keine Ausgangssperre! Und das ist auch verdammt gut so.

Der Wald ruft

Und ich blieb nicht zuhause. Stattdessen wuchs mein Bedürfnis nach Spaziergängen mit dem Hund im Wald. Von Tag zu Tag war ich länger unterwegs. In der Familie nannten sie mich schon offen Waldschrat.

Als es losging mit der Schließung der Schulen, dann der Geschäfte, waren die Bäume noch kahl und die kleinen Bäche im Göttinger Wald sprudelten noch.

Bach im kahlen Wald

In Erinnerung an die lange Trockenheit des letzten Sommers war ich echt froh über das Wasser und konnte sogar der Matschigkeit so manches Weges etwas Positives abgewinnen. Wasser ist schließlich Leben, auch und gerade für das Ökosystem Wald.

Grün auch ohne Blätter

Oft denkt man ja, das Schlimme an Herbst und Winter sei das Grau da draußen. Tatsächlich aber ist das ein Irrtum. In der Landwirtschaft sorgt im Spätherbst die Wintersaat bereits für grüne Flächen – und im Wald sind es zum Einen die Moosschichten an Bäumen und am Boden und im Frühjahr als erstes die Frühblüher oder der Bärlauch – lange bevor die ersten Knospen an den Bäumen aufgehen.
Und wie gut dieses Grün tut! Es hilft beim Durchatmen und befreit buchstäblich die Gedanken.

Waldspaziergänge sind gesund

Du merkst es schnell: der Spaziergang im Wald wirkt unmittelbar auf deine Laune, er stärkt dein körperliches Wohlbefinden, er schafft dir einen klaren Kopf. Je länger du unter Bäumen wanderst, desto entspannter wirst du und desto besser kannst du nachts schlafen.
Mit alledem ist Waldbaden (auch ohne Therapeuten!) eine hervorragende Prophylaxe gegen Corona. Denn Viren haben dort die geringste Chance Schaden anzurichten, wo sie auf gesunde Menschen treffen.

Blick über die Rabenklippe auf den Brocken (Harz)

Ein Höhepunkt des Waldbadens ist natürlich immer ein Ort mit schönem Ausblick auf noch mehr Wald. Wenn du also einen Hügel in der Nähe hast: nichts wie hin! :-)

Corona und das Abitur

In wenigen Wochen sollen circa 16.500 SchülerInnen in Deutschland ihre Abiturprüfungen ablegen.

Warum eigentlich?!

Die Notwendigkeit dafür ist genauso wenig verständlich wie die Beharrlichkeit u.a. der Niedersächsischen Landesregierung die Prüfungen unter den gegebenen Bedingungen durchzusetzen.
Dabei wurde die erforderliche Leistung für das Abitur von den SchülerInnen bereits zu 2/3 erbracht. Die erwünschte Differenzierung der Leistungsstände ist längst ausreichend gegeben. Wohingegen die Abiturqualität, auf die die Regierung insistiert, ohnehin kaum vergleichbar sein wird, da die aktuelle Situation sich von der früherer Jahre grundlegend unterscheidet.
SchülerInnen, LehrerInnen und Schulbeschäftigte sollen ihre Gesundheit und die ihrer Familien durch die erhöhte Infektionsgefahr riskieren . Die anvisierten Sicherheits- und Hygienebedingungen sind bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht hinreichend geklärt und kritisch zu hinterfragen. Selbst wenn Klassen geteilt werden und nur 15 SchülerInnen statt 30 SchülerInnen in einem Raum zusammen kommen um ihre Abiturprüfungen zu schreiben, sind das immer noch 14 Menschen zu viel.

Sämtliche größeren Veranstaltungen wurden bereits bis zum 31.08.2020 verboten. Die Tatsache, dass der Einzelhandel wieder geöffnet hat und dort mehrere Menschen auf kleinem Raum zusammen kommen, stellt eine ganz andere Situation dar als die Abiturprüfungen. Denn in Geschäften kommen meist noch weniger Menschen zusammen als in Klassenräumen – und verbringen beim Einkaufen keine 4 bis 6 Stunden mit denselben Anderen in einem Raum. Im Übrigen gibt es für die Abiturprüfungen keine existenzielle Notwendigkeit, währne das Überleben des Einzelhandels tatsächlich davon abhängt, dass er wieder in Gang kommt.

Der Abiturjahrgang (sowie andere Abschlussklassen) 2020 muss mit der seit vielen Wochen anhaltenden Isolation leben und der stetigen Ungewissheit über das, was kommt. Er wurde von einem auf den anderen Tag aus dem Schulleben herausgerissen, musste auf alle positiven Begleitereignisse des Abiturs verzichten (wie z.B. Mottowoche, Abischerz, Abiball), konnte in vielen Fällen den abiturrelevanten Schulstoff nicht vollenden oder die angekündigte Wiederholung des Stoffes nicht fortsetzen. Er konnte sich auch nicht in privaten Lerngruppen auf die Prüfungen vorbereiten. Stattdessen sieht er sich einer Zukunft gegenüber, die noch nie so ungewiss war: Wann wird es wieder ein relativ “normales Leben geben” – wie vor der Krise? Wird ein Studienanfang oder der Einstieg in eine Ausbildung dieses Jahr möglich sein? Wenn ja, wo? Was wird aus anderen Plänen wie FSJ oder sonstigen größeren Vorhaben, insbesondere im Ausland?

Wozu überhaupt Abitur-Prüfungen?

Die Vergleichbarkeit, die der niedersächsischen Landesregierung so wichtig ist, ist unter diesen Umständen sowieso nicht gegeben. Aber auch nicht notwendig! Denn das Hamburger-Abkommen von 1964 sichert jedem Absolventen die Anerkennung von Schulabschlüssen aller Bundesländer zu.

Dass es auch ohne Abiturprüfungen geht, sieht man an Frankreich, Niederlande, Belgien und Groß Britannien! Und dank der Abkommen der EU werden künftig auch Franzosen oder Belgier in Deutschland studieren dürfen.

Es darf nicht sein, dass SchülerInnen das gesundheitliche Schicksal ihrer Familie oder ihrer LehrerInnen aufgebürdet wird, nur damit sie sich den überkommenen Initiationsriten der Leistungsgesellschaft unterwerfen können.
Das Durchschnittabitur, dessen Note einfach aus den Zeugnisnoten der letzten Schuljahre gebildet wird, sollte ausreichen!

Jungs und Computersucht

Ein Professor klärt auf. Beim Vortrag in der Schule weist er darauf hin, daß die Anfälligkeit für Computersucht am Fehlen von Aufgaben im realen Leben liegt. Die Kinder, Jugendlichen und letztlich auch Erwachsenen finden in der Realität nicht genug Vorbilder, die als solche wirklich taugen. Sie finden keine Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen, an reizvollen Aufgaben über sich hinaus zu wachsen und dafür die so dringend gewünschte Anerkennung zu bekommen.
Und darum spielen sie Autorennen, Adventure- und Ballerspiele.
Und weil Jungs aufgrund des Y-Chromosoms sowieso schon quasi behindert zur Welt kommen, sind sie dafür noch viel anfälliger als Mädchen.

Ich höre mir das an, finde mich in der einen oder anderen Aussage durchaus wieder, stimme zu, nur um aber das Fazit eher entsetzlich zu finden.
Wenn der Mann tatsächlich das Fehlen von Vorbildern für die heutigen Jungs beklagt, dann frag ich mich sehr besorgt, welche Vorbilder denn “früher” geeignet waren, um die Entwicklung der Jungs zu befördern und zu stabilisieren.
Das ganze Thema finde ich viel zu heikel, um es mit solch letztlich vordergründigen Erklärungen handhabbar zu machen. Natürlich hätte man gern Beruhigung. Daß der eigene Junge “sowas” nicht macht, daß man(n) selbst vielleicht doch positives Vorbild sei. Und weiß doch tief im Innern, daß es darum nicht gehen kann.
Das tiefgreifende gesellschaftliche Grundübel: die zu groß geratenen Organisationseinheiten (was früher mal die dörfliche Struktur war, ist heute Europa oder eben noch schlimmer: das Internet!), das trage zur allgemeinen Verunsicherung bei, da müsse man gegensteuern, durch Wiederbelebung kleinerer Einheiten.
Graswurzelrevolution? Eine angesichts zunehmender Verstädterung und Verslummung der Welt geradezu niedliche Vorstellung.

Es ist sicher so, daß man durch die Möglichkeit der Flucht in die virtuellen Welten eher geneigt ist, die Konflikte der realen Umgebung zu meiden. Ganz sicher darf man Jungs in der Pubertät in dieser Situation nicht einfach allein lassen, sie abdriften lassen in künstliche Wirklichkeiten. Andererseits scheint ja auch gerade unsere angestrengte Behütung der Jugend, das allumfassende Gutmeinen von Eltern und Schulpädagogik, den Jugendlichen das Sammeln von Erfahrungen, die auch mal unangenehm sein können, zu erschweren.
Und ist es mit Mädchen nicht genau dasselbe? Vielleicht verfallen die nicht ganz so häufig Ballerspielen, dafür hängen sie in Chatrooms fest und bloggen ihre Beziehungsprobleme rauf und runter.
Wo heute gechattet und gesimst wird, wurde früher telefoniert. Das war noch etwas direkter und persönlicher, aber wesentlich beziehungsfähiger waren wir deshalb auch nicht.
Erinnert sich noch jemand an den Neuen Sozialisationstyp, über den Anfang der Achtziger gelästert wurde, den damals als neu empfundenen Narzißmus der Jugendlichen? Auch da ging es schon um Beziehungsunfähigkeit und übermäßiges Kontrollbedürfnis.
Dem sogenannten Oralen Flipper fehlten da auch schon die “wirklichen Aufgaben”.

Und noch früher? Wurde noch weniger kommuniziert, wurde nur unter Moral und Ideologie verpackt, was einen ganz woanders bewegte, hatten Kirche und Staat die Finger drauf. Da wurde sublimiert. Das Resultat waren Glaubenskriege oder Nationalismus. Wirklich prima Gelegenheiten für junge Männer, über sich hinauszuwachsen und relevante Aufgaben in und für die Gesellschaft zu finden. Na danke!

Und heute? Wir? Hier?

Man kann sich sicher darüber aufregen, wieviel Geld der Telekommunikationsindustrie in den Rachen geworfen wird, auf welch perfide Weise und wie ungeniert sie Jugendliche ausbeutet und in die Verarmung treibt. Was aber doch auch nur funktioniert, wenn wir das mitmachen. Wenn Eltern ausgerechnet da, wo es auf ihre Betreuung ankäme, einen Rückzieher machen, Kontrolle delegieren an Wirtschaftsunternehmen, die nicht das Beste für sondern nur von ihren Kindern wollen.
Es ist aber durchaus möglich, mit den eigenen Kindern über den Gebrauch der aktuellen Medien zu reden. Genauso wie es hierzulande jedem Menschen möglich ist, seine eigene Situation kritisch zu überdenken und sein Leben gegebenfalls zu ändern.
Jeden Tag neu.

Schule für Menschen

Vom ersten Tag an haßte ich meine Schule, das humanistische Gymnasium in der Stadt. Als meine Klasse den Weg von der Aula, wo die Begrüßungsfeier stattgefunden hatte, in den Gebäudetrakt der Unterrichtsräume antrat, verlor ich den Anschluß und irrte nach kurzer Zeit (heulend? ich weiß es nicht mehr) in den labyrinthischen Gängen umher.
Auch in den neun Jahren, die folgten, ließ diese Lehranstalt nur wenige Gelegenheiten, mich einzuschüchtern, aus. Durch ihren elitären Habitus (Griechisch lernen ist Luxus), durch den großteils überalterten autoritären Lehrkörper, durch die pure zu bewältigende Stoffmenge, durch die von vielen gepflegte niemals durchbrochene ironische Distanz und natürlich durch die fleißig geübte Willkür, die schon frühzeitig klarmachte, daß Gerechtigkeit keineswegs jedem zuteil wird.
Man mußte schon kämpfen, Wege finden, das auszuhalten und für sich etwas davon mitzunehmen.
Ab der Oberstufe bestrafte ich alle mit konsequentem aber perfekt portioniertem Entzug. Ich fehlte etwa 40% des Unterrichts in der 13. Klasse, bekam aber trotzdem mein Abi. Und nahm als einziger, mal abgesehen von einem Menschen namens Großkord, mit dem mich sonst nichts aber auch gar nichts verband, mein Abi-Zeugnis in Jeans entgegen.

Ich haßte das Elitäre und haßte die Eliten und diese großbürgerlichen Söhnchen, die nichts sehnlicher erstrebten als in die Fußstapfen ihrer Pfäter zu steigen und deren Status und Lebensstandard wenigstens selbst zu erreichen, besser aber: noch zu übertrumpfen.
Dazu war jeder Ellbogen, jedes Arschgekrieche und jeder gut gezielte Tritt nach unten gerade recht.

So wie dieses Verhalten bei unserem (einzigen) kritischen Deutschlehrer oft thematisiert wurde, so von allen andern fleißig eingeübt und dumpf gefördert. Im Unterricht selbst wurde gesiebt statt gefördert, soziales Lernen hieß: die Schwächsten vor die Klasse treten zu lassen und dort fertig zu machen.

Das waren schon reife Leistungen.
Ich brauchte viele Jahre, um mich davon einigermaßen zu erholen und um wenigstens ansatzweise zu begreifen, was dort wirklich geschehen war.

Diese Herkunft ist einer der Gründe, warum ich sicher nicht auf die Idee kommen würde, meine Kinder auf ein altsprachliches Gymnasium zu schicken.
Es gibt aber auch einige sehr positive Gründe, sie überhaupt nicht auf ein Gymnasium sondern auf die IGS zu schicken, wo die beiden großen sich seit August gut aufgehoben fühlen, wo selbst in Zeiten neuen Lehrermangels und überall deutlich gekürzter Mittel Bildung und Leistung nicht als Ausgrenzungsmittel und Machtmedium vermittelt werden, sondern wo Integration stattfindet.
Das Abi wird dort erst nach 13 Schuljahren gemacht, an Gymnasien seit neuestem in 12.
Die Förderung der SchülerInnen findet im Unterricht statt, Lernschwächere werden nicht einfach ausgesiebt.
Schule und Privatleben wachsen dort in einer Weise zusammen, die man den Gesichtern der LehrerInnen ansieht: die fühlen sich wohl da und leben gern in ihrer Schule. Und als Eltern möchte man gern richtig viel davon mitkriegen, teilnehmen, ja am liebsten selbst wieder mit lernen –
Eine Oase, für die ich ungeheuer dankbar bin.

Altstadtlauf 05


Zum ersten Mal seit vier Jahren hat es nicht geklappt mitzulaufen, für mich. Umso größer die Aufregung für die Kinder, die zum ersten Mal alle drei dabei sind. Wegen völlig neuer Streckenführung durch die engen Straßen der Göttinger Altstadt ist die Orientierung schwierig und man findet keinen Platz, von dem aus man die Kinder an den Start bringen und auch noch beim Laufen sehen kann. Das ist schade. Das Gedränge ist aufreibend.
Aber nach dem Youngster- und dem Schnupperlauf entspannt sich die Situation, von da an sind wir nur noch Zuschauer, holen uns in der Johannisstraße ein Döner und gucken begeistert den 5-km-LäuferInnen zu. Die Stimmung ist großartig. Lediglich ein paar merkbefreite Mitarbeiter im blauen T-Shirt der Firma Metallbau Senge nerven mit ihren Druckluft-Tröten, halten aber zum Glück selbst als Zuschauer kaum die 5 km durch.

Höhepunkt: die Langlaufstrecke. Man steht da und ist ganz gebannt, welche Geschwindigkeit die Spitzenläufer durchziehen. Diese Konzentration, die von den vielen äußerst individuellen Laufstilen und Durchhaltestrategien rüberkommt. Ich gucke begeistert zu und würde gleichzeitig liebend gern mitlaufen. Angenehm und seltsam bewegend. Selbst Li-Si, die mit ihren 4 Jahren das erste Mal aktiv dabei ist und um die späte Stunde sonst längst schläft, ist munter und nicht weg zu bewegen.
Auf dem Heimweg liefert mir Hely auf dem letzten Stück noch ein Rennen auf dem Fahrrad. Bergauf. Ich mit Li-Si im Anhänger. Sie nur auf ihrem Rad. Aber sie versägt mich dermaßen, dass es mich völlig plättet. Ist sie doch bei früheren Gelegenheiten gar zu oft die Spaßbremse gewesen auf dem Heimweg. Diesmal scheint die Motivation keine Grenze zu kennen.