Ein Winter in Berlin

Was war das kalt, im Februar 1980, als wir nach einem in Braunschweig versandeten Tramp-Versuch dann am Bahnhof Zoo aus der Deutschen Bundesbahn ausstiegen! Die Straßen voller schwarzer Schneereste, die vom Gelb der Gaslaternen dennoch traulich befunkelt wurden. An den Fensterscheiben des schmuddeligsten und häßlichsten Bahnhofs, den ich damals kannte, rann das Schwitzwasser herunter, in der Halle lungerten die üblichen Junkies und Schnorrer, auf der andern Seite schicke West-Touris auf den Spuren von Christiane F.

Wir nahmen die U-Bahn nach Kreuzberg und fanden uns nach einigen ziellosen Momenten in einer Parkanlage mit Currywurststand wieder, wo wir einen Imbiß zu uns nahmen, uns über die schnoddrige Sprache der Berliner freuten, die dort beim Bier schnatterten.
Ich hatte nur den Namen eines ehemaligen Klassenkameraden, von dem ich wußte, daß er in Berlin wohnt und daß man bei ihm spontan auflaufen und übernachten konnte. In einer Telefonzelle wühlte ich längere Zeit zunehmend hektisch in einem der zentnerschweren Bände des Telefonbuchs, bis ich ihn fand. Mit klammen Fingern 20 Pfennig aus dem Portemonnaie gekramt, eingeworfen und dem tuut tuut zugehört. Fast wollte ich schon wieder einhängen, als nach mehreren Minuten, so schien es, doch eine müde Stimme irgendetwas unverständliches in den Hörer nuschelte. Ich fragte zielsicher nach Andreas J, ob der da sei und so. Doch die müde Stimme konnte mit dem Namen nichts anfangen. Der wohne da nicht.
Mir sank das Herz in die Hose. Ich erklärte dem schwer zu motivierenden Menschen unsere Lage: ohne Bleibe, in der Kälte draußen, schon arg durchgefroren und desillusioniert, aber auch völlig ohne das nötige Kleingeld, um uns irgendeine zu bezahlende Unterkunft zu suchen. Mal ganz davon abgesehen, daß ich nicht gewußt hätte, wo suchen.
Die Stimme stöhnte leise und sagte dann irgendwann sehr matt, wir könnten natürlich trotzdem in der Wohnung pennen, irgendwo finde sich sicher ein Plätzchen, irgendwelche Leute von außerhalb seien sowieso immer zu Besuch.
Danke, sagte ich, hängte auf und sah Ka fragend an. Ihre Mundwinkel waren schon während des Telefonats unweigerlich herabgesunken. Da wolle ich ja wohl nicht im ernst hin! stellte sie klar.
Nein, gab ich kleinlaut zurück. Was aber denn dann?

Es war 1980. Es war Anfang Februar. Berlin war nicht nur geteilte Stadt, die im Winter heftig unter Smog zu leiden hatte. Berlin war auch Hauptstadt der Kriegsdienstverweigerer, die nicht anerkannt wurden, oder derer, die sich einfach staatlichen Zwängen entziehen wollten. Berlin war das Zentrum der Hausbesetzerszene, auch wenn die ihre beste Zeit erst ein Jahr später haben sollte. In Berlin gab es die Linie 1, den Orientexpress, die U-Bahn, die aus dem gutbürgerlichen Charlottenburg in das wilde, von Türken und Studenten und Alternativen besetzte Kreuzberg fuhr. Als Hochbahn zum größten Teil. Ein Abenteuer war das. So jedenfalls die romantische Vorstellung davon.

Und ebenso romantisch waren wir auch drauf, als wir mit der S-Bahn zur Yorckstraße fuhren, Das war noch viel kultiger als Linie 1, nur daß es anscheinend niemand wußte. Aufgrund des noch aus dem Mauerbau resultierenden S-Bahn-Boykotts fuhr dieses sagenumwobene Transportmittel überall durch Berlin, schnell, regelmäßig, zuverlässig, extrem billig – aber quasi ohne Fahrgäste.
Die Bahnhöfe waren so heruntergekommen, daß man von außen oft nicht wußte, ob einem dort die Decke auf den Kopf fallen würde. Und die S-Bahnzüge waren aus den 20er und 30er Jahren, hatten einen unverwechselbaren und mittlerweile auch unwiederbringlichen Sound und Geruch – eindringlicher Charme, von dem ich nicht genug kriegen konnte.

Mit der S-Bahn fuhr man mitten durch riesige Brachen, entlang an den Rückseiten endloser Reihen von Mietskasernen, Laubenkolonien, über ausgedehnte stillgelegte Gleisanlagen, durch Industriegebiete, entlang der Mauer, ja ein gutes Stück weit sogar quasi mitten in der Mauer und fühlte sich wie in einem film noir, nur viel besser. Denn es war nicht nach 90 Minuten vorbei. Man brauchte nicht zu befürchten, erschossen oder verhaftet zu werden oder noch schlimmeres und man konnte es sich auf den Holzbänken bequem machen, während der Fahrt rauchen und die Tür aufmachen. Was allerdings verboten und lebensgefährlich war. Aber wer fragte schon danach.
Ich hatte meine Olympus dabei und darin einen 25-ASA-Film. Leider verwackelten damit fast alle Bilder. Es war einfach zu dunkel.

An diesem Abend landeten wir in einer Kneipe hinter dem S-Bahnhof Yorckstraße, in der hintersten Ecke Schönebergs, kurz vor der Grenze nach Kreuzberg. Die Kneipe lag am Ende einer endlosen Straße und war gut besucht. Es war saugemütlich darin, das Bier schmeckte klasse und die Leute wirkten alle wahnsinnig nett.
Wir fragten irgendwann einfach drauflos. Und da war so ein sympathisch aussehendes Pärchen, Musch und Ebi hießen sie, die sagten spontan: klar, ihr könnt bei uns übernachten, wir haben zufällig ein Zimmer frei.
Erst konnten wir das gar nicht glauben, dann aber sagte ich großspurig zu Ka: siehst du, so is Berlin! Hier geht sowas. Hier kann man einfach hinfahren und findet ne Bleibe für umsonst.
Und so saßen wir irgendwann spät im Nachtbus Richtung Neukölln, stiegen Herrmannplatz aus und mußten noch einige Straßen weiterlaufen, bis wir Muschs und Ebis Wohnung erreichten.
Fürs erste waren wir gerettet.

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