Alles begann in einem nicht mehr genau bezifferbaren Jahr gegen Ende des vergangenen Jahrtausends, als er in einem unsäglich kleinen Kaff irgendwo zwischen Guxhagen und Waldkappel gelandet war. Es war nicht nur Wohnen, jedoch auch nicht das, was man echtes Leben hätte nennen wollen. Sie nannten es Land-WG.
Man war dort unweigerlich auf’s Auto angewiesen, weil der Bus das Dorf höchstens zweimal am Tag ansteuerte und der nächste Bahnhof gut 10 Kilometer entfernt war. Mal abgesehen davon, daß John Meyer erst im Frühsommer ebendieses Jahres seine Führerscheinprüfung mit Bravour absolviert hatte und ganz geierig darauf war, seine neuen Fähigkeiten zu vertiefen, auszuweiten – vor allem zu verschnellern.

So kam es, daß er sich eines Abends einfach in das Auto seiner Schwester setzte und losfuhr. Er hätte nicht sagen können, wohin er wollte, hatte schlicht Lust Auto zu fahren, die Umgebung zu wechseln, unterwegs zu sein, den Fahrtwind durch seine langen blonden Haare wehen zu lassen.
So ergab es sich, daß der Weg, ach nein: die Straße – er gelangte also in ein Städtchen, das etwa fünfzig Kilometer feinstkurviger Landstraße nördlich von seinem Ausgangspunkt lag. Beinahe war es, als steuere der orangene R5 von sich aus zu Be. Seiner Be. Johns Be.
Ach wenn es ja nur so gewesen wäre.

Stattdessen stand dort aber Kassandra, Bes Mutter. Die John nicht mochte. Und die gar nichts dabei fand, aus ihrer letzthin unbegründeten Abneigung gar keinen Hehl zu machen, dieser im Gegenteil freien Lauf zu lassen. “Let it flow” wäre sicher ihre Devise gewesen, hätte es die schon gegeben. Was nicht der Fall war. Aber lange Kleider waren ihr Fall, gebatikt und folkloresk gemustert, dazu schwere, eigentlich unter das Betäubungsmittelgesetz fallende Parfüme und düstere Wandfarben. Die Einrichtung indophil, dazu reichlich buddhistischer Tand.
All das behagte John eigentlich. Gern hätte er ihr einmal ein paar tragische Weisen auf seiner Gitarre vorgespielt. Allein, sie verweigerte sich.
Und leider auch ihre Tochter.
Was jedoch erst einiges später zum Tragen kam. Und jetzt, da er da so unangemeldet vorfuhr, allzu spontan und unpassend, da blieb ihm nichts anderes, als hinein zu stürmen, seine Be bei der Hand zu greifen, sie nur kurz einmal an sich zu ziehen, ihr schmatzend einen aufzudrücken – und sie dann beherzt und keinen Widerspruch duldend ins Auto zu zerren.

Flugs befand man sich erneut auf Straßen, die sich in unendlichen und immer wieder neu empfundenen Kurven durch Täber und Wälder schlängelten. John hätte nicht sagen können, wohin er wollte. Er hatte schlicht Lust Auto zu fahren, die Umgebung zu wechseln – und Be neben sich zu wissen.
Wo willst du denn nur hin! fragte sie vorwurfsvoll von neben ihm.
Ach, entgegnete er. Wenn er das ja wüßte.
Aber! fand sie.
Na ja…, wand er sich.
Als er es dann übertrieb, dem orangenen Auto zu viel abverlangte, seine Fahrkünste überschätzte und von der kurvigen Fahrbahn abkam, aus nicht wirklich klärbarer Ursache, aber mit gutem Grund,
da passierte nichts weiter. Man drehte sich einige Male, blieb auf einer Weide stehen, entstieg dem dampfenden Fahrzeug, dessen Selbstzerstörungsmechanismus erst bei Erreichen gebührenden Abstands zündete, hockte dort im Graben und zitterte nur ein wenig. Wahrscheinlich war es besser so. Auf jeden Fall war dies der Anfang. Leider nicht einer wunderbaren Freundschaft, sondern nur vom Ende. Aber immerhin: ein Anfang.

Eine lange Weile hörte man nichts außer Johns Schnaufen.

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