Das Kind ist schon so groß

Als sie mit dem Frühstück fertig ist, fängt sie von sich aus an, alles vom Küchentisch abzuräumen, was ich nicht mehr brauche. Sehr aufmerksam achtet sie dabei auf meine Reaktionen. Und sehr freundlich.
Auf dem Weg zur Sportveranstaltung am Kiessee drehe ich mich auf meinem Rad zu ihr hin, um sie darauf hinzuweisen, wie sehr unser altes Traumhaus zugewuchert ist vom Efeu. Sie ist so weit hinter mir, daß sie mich nicht richtig versteht, guckt aber wohl trotzdem zur Seite, verliert dabei wegen der gefährlich hohen Straßenkante die Balance und fällt böse vom Rad, so richtig im hohen Bogen. Ihre Hände klatschen auf den Asphalt, ich höre es mehr, als daß ich es sehe. Ich erschrecke furchtbar und es tut mir entsetzlich leid. Und weh. Ich renne zurück zu ihr, hebe sie auf. Und ihr Fahrrad. Nehme sie in den Arm.
Ist gar nicht so schlimm, wie es aussieht, sagt sie mehrmals. Ich will jede Stelle an ihr (Hände, Ellbogen, Knie) nach Verletzungen absuchen, aber sie sagt nur: ist nicht so schlimm und gestattet sich einen kurzen Schluchzer, bevor sie sich wieder völlig zusammenreißt. Sie ist mehr um meine Angst vor ihrem Schmerz besorgt, als daß es ihr selbst wehtun könnte. Und das rührt mich noch etwas mehr, als ihr tatsächlicher Schmerz mein Mitleid hervorruft.

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