Jungs und Computersucht

Ein Professor klärt auf. Beim Vortrag in der Schule weist er darauf hin, daß die Anfälligkeit für Computersucht am Fehlen von Aufgaben im realen Leben liegt. Die Kinder, Jugendlichen und letztlich auch Erwachsenen finden in der Realität nicht genug Vorbilder, die als solche wirklich taugen. Sie finden keine Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen, an reizvollen Aufgaben über sich hinaus zu wachsen und dafür die so dringend gewünschte Anerkennung zu bekommen.
Und darum spielen sie Autorennen, Adventure- und Ballerspiele.
Und weil Jungs aufgrund des Y-Chromosoms sowieso schon quasi behindert zur Welt kommen, sind sie dafür noch viel anfälliger als Mädchen.

Ich höre mir das an, finde mich in der einen oder anderen Aussage durchaus wieder, stimme zu, nur um aber das Fazit eher entsetzlich zu finden.
Wenn der Mann tatsächlich das Fehlen von Vorbildern für die heutigen Jungs beklagt, dann frag ich mich sehr besorgt, welche Vorbilder denn “früher” geeignet waren, um die Entwicklung der Jungs zu befördern und zu stabilisieren.
Das ganze Thema finde ich viel zu heikel, um es mit solch letztlich vordergründigen Erklärungen handhabbar zu machen. Natürlich hätte man gern Beruhigung. Daß der eigene Junge “sowas” nicht macht, daß man(n) selbst vielleicht doch positives Vorbild sei. Und weiß doch tief im Innern, daß es darum nicht gehen kann.
Das tiefgreifende gesellschaftliche Grundübel: die zu groß geratenen Organisationseinheiten (was früher mal die dörfliche Struktur war, ist heute Europa oder eben noch schlimmer: das Internet!), das trage zur allgemeinen Verunsicherung bei, da müsse man gegensteuern, durch Wiederbelebung kleinerer Einheiten.
Graswurzelrevolution? Eine angesichts zunehmender Verstädterung und Verslummung der Welt geradezu niedliche Vorstellung.

Es ist sicher so, daß man durch die Möglichkeit der Flucht in die virtuellen Welten eher geneigt ist, die Konflikte der realen Umgebung zu meiden. Ganz sicher darf man Jungs in der Pubertät in dieser Situation nicht einfach allein lassen, sie abdriften lassen in künstliche Wirklichkeiten. Andererseits scheint ja auch gerade unsere angestrengte Behütung der Jugend, das allumfassende Gutmeinen von Eltern und Schulpädagogik, den Jugendlichen das Sammeln von Erfahrungen, die auch mal unangenehm sein können, zu erschweren.
Und ist es mit Mädchen nicht genau dasselbe? Vielleicht verfallen die nicht ganz so häufig Ballerspielen, dafür hängen sie in Chatrooms fest und bloggen ihre Beziehungsprobleme rauf und runter.
Wo heute gechattet und gesimst wird, wurde früher telefoniert. Das war noch etwas direkter und persönlicher, aber wesentlich beziehungsfähiger waren wir deshalb auch nicht.
Erinnert sich noch jemand an den Neuen Sozialisationstyp, über den Anfang der Achtziger gelästert wurde, den damals als neu empfundenen Narzißmus der Jugendlichen? Auch da ging es schon um Beziehungsunfähigkeit und übermäßiges Kontrollbedürfnis.
Dem sogenannten Oralen Flipper fehlten da auch schon die “wirklichen Aufgaben”.

Und noch früher? Wurde noch weniger kommuniziert, wurde nur unter Moral und Ideologie verpackt, was einen ganz woanders bewegte, hatten Kirche und Staat die Finger drauf. Da wurde sublimiert. Das Resultat waren Glaubenskriege oder Nationalismus. Wirklich prima Gelegenheiten für junge Männer, über sich hinauszuwachsen und relevante Aufgaben in und für die Gesellschaft zu finden. Na danke!

Und heute? Wir? Hier?

Man kann sich sicher darüber aufregen, wieviel Geld der Telekommunikationsindustrie in den Rachen geworfen wird, auf welch perfide Weise und wie ungeniert sie Jugendliche ausbeutet und in die Verarmung treibt. Was aber doch auch nur funktioniert, wenn wir das mitmachen. Wenn Eltern ausgerechnet da, wo es auf ihre Betreuung ankäme, einen Rückzieher machen, Kontrolle delegieren an Wirtschaftsunternehmen, die nicht das Beste für sondern nur von ihren Kindern wollen.
Es ist aber durchaus möglich, mit den eigenen Kindern über den Gebrauch der aktuellen Medien zu reden. Genauso wie es hierzulande jedem Menschen möglich ist, seine eigene Situation kritisch zu überdenken und sein Leben gegebenfalls zu ändern.
Jeden Tag neu.

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare

  1. komma5

    dem ist nichts hinzuzufügen!

  2. Sigurd H.

    D’accord. Einige Anmerkungen hätte ich dennoch: Die Frage ist sicher auch, hängen die Kiddies nur noch vorm PC oder machen die auch noch mal was anderes. Meinem Erleben nach – auch in Berlin – kümmern sich zu viele Eltern heute nicht mehr um ihre Kinder, und finden es ganz in Ordnung, sie vor dem Fernseher zu parken, damit man selbst seine Ruhe hat. An die Wirkung ach so segensreicher Vorbilder glaube ich auch nicht. Was Eltern allerdings tun müssen, ist das vorleben, was sie für richtig erklären, um glaubwürdig zu sein. Zu sagen “Guck nicht soviel fern, lies ein Buch, das ist besser für dich” ist nur überzeugend, wenn das Kind merkt, die Eltern lesen selbst auch, die Sache muß interessant sein. – Und zum Thema Überbehütung: der Murkel meiner Kollegin geht in die 2. Klasse. An der Schule haben die Eltern beschlossen, es gibt eine tägliche Versorgung mit Vollmilch. Kakao hingegen wurde mit Mehrheit abgelehnt, weil: er enthält Zucker, schlecht für die Zähne, Diabetes, zuviel Süßigkeiten verderben den Charakter, hastenichgesehen. Dazu paßt, daß der Kleine auch nach anderthalb Jahren noch den Weg zur Schule (quasi um die Ecke) mit dem Auto gefahren wird. Weil: er wäre noch zu unkonzentriert, der Strassenverkehr, hastenichgesehen. Ich glaube, ich mußte das damals spätestens nach einem halben Jahr alleine packen…

  3. grapf

    Es ist nicht allein, daß Eltern sorglos ihre Kinder vor TV und PC parken, sie statten die Kinderzimmer bereits mit soviel Technik aus, daß eine wirksame Kontrolle in diesem Bereich gar nicht mehr möglich ist.

    Zur Sicherheit des Schulwegs: Mütter, die im Zeitdruck ihre Kinder mit dem Auto zur Schule und in den Kindergarten bringen, sind nicht nur für alle anderen Verkehrsteilnehmer eine ernsthafte Gefahr, sondern auch für ihre eigenen Kinder. Denn ein nennenswerter Prozentsatz aller Kinder, die im Straßenverkehr verunglücken, tut dies im Auto der Eltern.
    Wieder andersrum ist es vielen Kindern, die nicht in der Stadt wohnen, nur schwer zuzumuten, Schulbusse zu benutzen, weil sie dafür meistens ein Vielfaches an Zeit aufwenden müssen. Außerdem sind die Bus-Ressourcen so ausgedünnt, daß es allein auf Grund der Enge in den Bussen dort immer öfter zu Gewalttätigkeiten kommt oder die Kinder einfach kotzen müssen, weil sie so zusammengequetscht werden. Wenn sie von überforderten Busfahrern nicht sogar einfach an der Haltstelle stehen gelassen werden.

    … wir haben uns Organisationseinheiten geschaffen, die uns zu groß sind. Und damit kommen wir jetzt nicht mehr klar. Ist schon was dran.

  4. Sigurd H.

    Da ist auf jeden Fall was dran, keine Frage. Aber wenn das das Problem ist, fällt es mir bei aller Phantasie schwer, die zugehörige Lösung vorzustellen. Allenfalls die bereits angedeutete Erkenntnis, daß der die Welt verändert, der sich selbst verändert. Meinen eigenen Fernseher (elterliches Geschenk!)habe ich z.B. vor ein paar Jahren bereits abgeschafft. Ich vermisse nichts.

  5. pia - orangata

    Was mir immer unverständlich bleiben wird, ist die Tatsache, dass viele Eltern nicht wissen, was ihre Kinder auf dem PC spielen, in welchen Foren sie sich bewegen Man könnte als Elternteil ja auch mal eine gewisse Neugier für die PC-Spiele der Kinder entwickeln und für Vorlieben der lieben “Kleinen”.Gerade bei Strategiespielen etc.
    kann man ne Menge dazulernen, was ich hier wirklich ehrlich meine.
    Solche Veranstaltungen habe ich bisher immer als unbefriedigend erlebt, weil es sicher keine schnelle und einfache Problemlösung gibt.

  6. hildi

    Heute ist mir auf einem Blog (welches verrate ich einfach mal nicht, spielt auch hierfür keine Rolle) aufgefallen, dass Eltern mal die Blogs ihrer Kinder lesen sollten. Da erfährt man hoch spannende Dinge. Z.B. welche Weihnachtsgeschenke man ihnen gemacht hat, die sie gar nicht haben wollten – und das ggf. die letzten 10 Jahre.

  7. CeKaDo

    Kommunikation mit den Kindern, den eigenen wie den fremden, ist schwer. Das gebe ich gern zu, denn ich erlebe tagtäglich das Schweigen der Erwachsenen und die provozierende Lautstärke der Kinder. Ich höre die Sprache der Kinder und das Flüstern der Erwachsenen.

    Ich denke, irgendwann haben Menschen in meinem Alter und die der Generation vor mir verlernt, aufeinander zuzugehen. Man muß heute nicht unbedingt einen Rückschritt aus der persönlichen Freiheit unternehmen, um mit Kindern (und natürlich anderen Erwachsenen) zu kommunizieren.

    Sicherlich sind ein Teil der Kommunikationswege heute anders geworden. Und ganz sicher gibt es heute wie damals eine Rollenprägung bei Mädchen und Jungen, Männern und Frauen.

    Doch wir erkennen, weltoffen wie wir uns geben, all die Probleme zwischen Kindern und Erwachsenen. Und was hindert uns daran, die Probleme anzugehen?

    Unsere erwachsenene vorgelebte Freiheit und rücksichtslosigkeit ist es, die unsere Kinder schamlos wiedergeben. Sie sind das Spiegelbild unseres eigenen Lebens, gnadenlos und vor Allem schuldlos! Wir können Mut, Lebensfreude, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Kommunikation vorleben. Erst dann wird sich etwas verändern. Uns Erwachsenen sollte bewußt werden, daß wir uns verändern müssen und unseren Kindern und Jugendlichen das Leben vorleben müssen, das wir gern an ihnen sehen würden.

    Dazu gehört eine Veränderung in uns und Kommunikation auf ALLEN Kanälen. Gut dosiert und in kleinen kindgerechten Häppchen. Dazu gehören Gespräche mit Kindern (eigenen und fremden) und das Wissen, was Kinder tun und was in ihnen vorgeht. Ich möchte damit keine totale Kontrolle haben – ich möchte nur verstehen!

    Denn was ich verstehe, kann ich ändern oder tolerieren!

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