Ein Brief von Ende 1989

Lieber Bruder!
Gerade eben sind wir von unserem allerersten Ausflug in das Land unserer Brüder und Schwestern zurückgekehrt. Seit Öffnung der Grenzen hatten wir das schon vor – und nun endlich hat es auch geklappt. Dabei war es alles andere als irgendwie schwierig. Der nächste Grenzübergang ist knapp 20 Kilometer von hier entfernt, und man fährt einfach durch. Zwar gab’s einen kleinen Stau – aber das kommt ja auch im funktionalen “Westen”
vor. Tja, und “drüben” wurden wir noch überschwenglicher empfangen als DIE seinerzeit hier. In jedem Dorf standen Kinder an der Straße mit BRD-Fahne und winkten uns zu. Allein die Frage, wo die all diese Kinder
her nehmen, ist ja schon interessant.
Dann öttelten wir über Schlaglöcher und Katzenkopfpflaster nach Heiligenstadt, das man zunächst vor lauter Rauchschwaden kaum sehen konnte. Denn die heizen da drüben in der “DDR” tatsächlich alle mit
Braunkohle – und entsprechend STINKTs !!! Das hätte ich mir vorher gar nicht so vorstellen können. Wie die das aushalten ohne permanenten Pseudokrupp und Keuchhustenanfälle, frage ich mich.
Aber es war total schön auch, irgendwie. Fast nur alte (und ziemlich vergammelte) Häuser, eine richtige kleine FUZO mit niedlichen Geschäften, in denen man wohl auch richtig einkaufen kann – vorwiegend Sachen, wie es sie bei uns gab, als wir noch ganz klein waren und mit der Oma in der Limmerstraße spazierengingen – falls Du Dich erinnern kannst. Mir kam diese Erinnerung jedenfalls sofort
— und wenn man das alles so sieht, weiß man spontan echt nicht, was man denen eigentlich wünscher soll. Denn einerseits ist klar, daß technischer Fortschritt auch in der DDR unbedingt einziehen muß, vor allem im Bereich Umweltschutz, das springt echt in’s Auge. Aber andererseits würde ich mir wünschen, daß der allgemeine Charakter erhalten bleibt, daß die ihre Städte jetzt nicht plattwalzen, um sie betonmäßig neu aus dem Boden zu stampfen.
Heiligenstadt zumindest hat einfach Atmosphäre, in einer Art, wie man’s hierzulande seit den Sechzigern nicht mehr findet…
Tja, und so enden die Achtziger also mit der großen “Mitteleuropäischen Revolution”, wie der FR-Leitartikler vom Mittwoch meinte. Die Bilder von Ceaucescu und seiner Alten hast Du ja wahrscheinlich auch gesehen: Ich
weiß nicht, ob’s daran lag, daß wir Rumänien als einziges Ostblockland auch mal besucht haben – es ging mir jedenfalls echt nahe, was da ablief.

Soviel zur Großwetterlage.

Großen Dank an den Bruder für diese Ausgrabung!

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Thomas

    Also, wie das aussieht war der Briefschreiber noch nie im Ruhrgebiet! Umweltschutz, haha, dass ich nicht lache.

  2. hildi

    Verlinkst Du den vielleicht noch mal aus der Zonenblen.de?

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