Berliner Morgen

0411b-wsbruecke.jpg
Durch das Piepsen des Weckers hindurch nehme ich ein Gluckern und Plätschern wahr. Es ist dunkel, kühl und aus den Fallrohren der Regenrinnen läuft Wasser in den Innenhof. Die Fenster sind sämtlich dunkel, strahlen etwas Abweisendes aus.
Ich ringe das übliche Weilchen mit mir, schlüpfe dann in meine Plastikklamotten, verlasse leise das Zimmer und hopple die drei Etagen hinunter, nach draußen. Im fahlen Schein der orangenen Straßenlampen glitzern Teile des Asphalts, ich biege ab in einen Weg am Kanal entlang, wo es so dunkel ist, daß ich langsamer laufen muß. Angst zu stolpern. Ich kenne die Gegend und doch ist sie etwas unheimlich.
Nach ein paar hundert Metern erreiche ich eine Brücke über den Kanal, ein Relikt aus Vorkriegszeiten. Da lief früher eine Bahnlinie entlang, die Görlitzer Bahn, von der heute noch ein Stück Damm inklusive ein paar schmaler stählerner Brücken übrig ist. Der Untergrund ist weich, der Blick aus leicht erhabener Höhe auf die verschlafenen dunkelgrauen Häuserreihen ebenso deprimierend wie heimelig. Es nieselt mir ins Gesicht. Kapuze auf, Kapuze ab, schwer mich zu entscheiden. Mir ist warm inzwischen, der Rhythmus stimmt. Links lasse ich den Treptower neben mir liegen und überquere an der S-Bahn entlang die Spree über die Elsen-Brücke. Die Ruhe erscheint mir für Berlin völlig unnatürlich.
Auch über die Kynaststraße, auf der ich mich quasi von hinten dem Ostkreuz nähere, fährt nur alle paar Minuten ein Auto, durch die Pfützen reichlich Gischt aufwirbelnd.
Auf der anderen Seite, in den sich endlos aneinander reihenden Häuserschluchten von Friedrichshain, wird das Straßenlicht abgeschaltet, noch sehr früh, für so einen trüben Morgen. Die meisten Ecken kenne ich, habe ich schon durchschritten, habe in den Kneipen gesessen, indisch gegessen und die vielen bunten Lichter photographiert. Nichts von alldem ist jetzt davon zu erkennen. Fremd und abweisend wirken die Bürgersteige, nur Köterzerrer unterwegs. Und doch: seltsam geborgen im Unwirtlichen.
Am Anfang der Warschauer Brücke, gerade da, wo sich der Blick endlich wieder weitet, schickt mir eine Böe eine frische Ladung Nieselgischt ins Gesicht, während mir ein großer, dunkler Mann halb in den Weg tritt und “Hey, cool Mann! Geiles Tempo!” zuruft. Ich mache einen möglichst großen Bogen um ihn, atme so ruhig es geht gegen das plötzliche Herzklopfen an und sage mir: du mußt jetzt den Blick auf die Bahnanlagen genießen. Die gibt’s nicht mehr lange.
Unten am Bahnsteig tuckert eine S-Bahn im Leerlauf, daneben müht sich eine schwere Diesellok mit Schlafwaggons. Ein Anblick, dem nur mit Melancholie zu begegnen ist. Diesem angenehmen Gefühl, das vielleicht einfach nur aus guten Erinnerungen besteht. Dieses gern Hineintauchen in’s Vergangene, dieses gern Traurigsein darüber, daß es vergangen ist.
Unter den Gewölbebögen der Oberbaumbrücke hallen meinen Schritte, im Stroboskopblick nach Süden erhasche ich knappe Eindrücke vom Osthafen, nehme im Augenwinkel den Lastkran wahr, der – abgeknickt seit vielen Monaten – wirkt, als gebe er auf, buchstäblich.
Und dann bin ich seltsam froh, wieder im Wrangelkiez angekommen, die Gaslaternen noch brennend vorzufinden, mich zuhause zu fühlen, es warm, freundlich und anheimelnd zu finden.
Als sei das meine Welt.

2 gute Nachrichten

1. Die Provinz-Posse um die unsinnige Südumgehung scheint endlich wieder einmal ausgestanden zu sein, für die nächsten drei Jahre jedenfalls.
Der Grund: kein Geld. Ebenso lapidar wie eigentlich auch vorher abzusehen. War das ganze Theater um Bürgerbeteiligung, Trassenplanung etc eigentlich nur ein politisches Kabarett der CDU, um Wählerstimmen zu binden? Wissen die SPD-Ratsleute eigentlich morgens schon, wie sie mittags entscheiden werden?
Man kann sich nur an den Kopf fassen.
Aber nun einmal guter Laune, denn jedes weitere Jahr ohne diese blödsinnige Straße ist ein gewonnenes Jahr.
Und vielleicht, ganz ganz vielleicht, setzt ja in den Betonköpfen doch irgendwann mal so etwas wie ein Umdenkprozeß ein. Vielleicht merken die ja doch einmal, daß jenseits des Betons das Leben blüht, nicht auf ihm.

2. Das Güterverkehrszentrum soll gebaut werden.
Auf dem Gelände des ehemaligen Göttinger Güterbahnhofs soll eine Umladestation für Güter von LKWs auf die Eisenbahn entstehen. Fördermittel vom Land sind zugesagt.
Tatsächlich einmal ein konkreter Schritt in Richtung auf ein ökologisch verträglicheres und auch wirtschaftlich sinnvolleres Verkehrskonzept, die Rückverbindung von Schiene und Straße.
Ganz doll die Daumen gedrückt, daß es funktioniert!!!

Der Untergang

Der Film Der Untergang hat mir buchstäblich die Tränen in die Augen getrieben. Er hat mich schwer beeindruckt. Und bewegt.
Die letzten 2 Wochen des Dritten Reiches aus der Perspektive des Führerbunkers und all derer, die dort mit Hitler gemeinsam verharrten. Und dieser Hitler selber. Als Person. Nicht einfach nur, wie sonst üblich als Projektionsfläche politischer Ängste und als letztlich unerklärbares Phänomen.
Eindringlich gespielt, allerbeste Schauspieler, jede noch so kleine Nebenrolle ausgefeilt und wohl inszeniert, auch das Draußen mit enormem Aufwand dargestellt, das Dauerfeuer, das Berlin in den letzten Monaten des Krieges erlitt, die Lebensumstände der Zivilbevölkerung, die man kaum mehr als solche bezeichnen kann.
Intensiv werden nicht allein die geschichtlichen Ereignisse, sondern auch der diese Ereignisse bestimmende Geist vermittelt – und das nicht aus der sonst so gern eingenommenen historisierenden, abstrahierenden, von außen betrachtenden Perspektive, sondern von innen. Aus dem Erlebnishorizont mehrerer ganz unterschiedlicher Menschen. So hautnah, daß zumindest ich mich da kaum von distanzieren konnte. Und dies nicht nur bei den “Guten”.
Der Film kommt ohne moralischen Zeigefinger aus und ist doch nie gleichgültig, weder seinen Figuren gegenüber, noch “der Geschichte” gegenüber. Gerade indem er nicht versucht alles zu erklären, sondern einfach nur einen kleinen Ausschnitt spielt, beweist er Respekt vor dem, was man vielleicht Wahrheit nennen könnte. Etwas, das immer nur subjektiv sein kann. Auch, wenn zig Millionen Subjekte davon betroffen sind.

Danach, auf dem Heimweg, sagte ich zu B., ich würde mich so deutsch fühlen. Und das meinte ich auch so. Mit all seinen schaurigen Implikationen.

Ich habe mich seit meiner frühen Kindheit für diese Geschichte (meiner Eltern) interessiert, immer mit starker emotionaler Beteiligung, weil eben durch Eltern und Großeltern sehr erlebnisnah vermittelt. Erzählungen zwar nur, aber viele und intensive.
Später, vor allem im Studium, habe ich mich den diversen Aspekten des Nationalsozialismus auch wissenschaftlich zu nähern versucht. Man näherte sich dem Jahr 1984, kannte seinen Orwell und konnte gar nicht anders als Analogien zu bilden.
Da gab es ein Seminar, das hieß Auschwitz als Gegenwart. Es hinterließ uns alle mit einer ausgeprägten Paranoia, weil man nun überall Auschwitz wähnte. Was sich dann irgendwann wieder relativierte.
Nach einigen Jahren Pause und dem Gefühl, es nun auch mal über zu haben, las ich ein Buch von Sebastian Haffner, seine persönlichen Erinnerungen an die Weimarer Republik. Und war sofort wieder tief im Thema. Es folgten die Autobiographien von Günter Lamprecht und Michael Degen, die beide als Kinder den Krieg in Berlin erlebten.
Eine erneute, wieder völlig persönliche Annäherung an das Thema. Es ist irgendwie mein Thema.

Nach Heiligenstadt


Seit nunmehr 15 Jahren zieht es mich immer mal wieder in dieses Städtchen im Eichsfeld. Eine gute Nase Ostluft schnuppern. Da ist zum Glück noch genug von übrig.
Die Fußgängerzone, im Wesentlichen aus einer Straße bestehend, war 1989 beeindruckend, weil so unerwartet belebt, geradezu großstädtisch wirkend in ihrem grauen DDR-Charme, seitdem auch immer mal wieder, meistens wegen beachtlicher Renovierungsleistungen.
Heute wirkte sie vor allem deprimierend, weil etwa ein Drittel der Ladenfläche leer steht. Reichlich frisch sanierte Fassaden, innen hohl. Nur riesige Plakatwände, die Verkaufsflächen anpreisen.
In der Parallelstraße zur Einkaufsmeile sieht es ohnehin schon gleich viel authentischer aus.

Worauf also hoffen?

  • Beitrags-Kategorie:Allgemein
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Schulen stellen sich vor

Die großen Kinder sind in der vierten Klasse und kommen nächstes Jahr auf eine höhere Schule. Gestern Abend gab es in ihrer Grundschule eine Infoveranstaltung, auf der LehrerInnen von 1 Hauptschule, 1 Realschule, 2 Gymnasien und 2 Gesamtschulen vorstellten, was die Kinder und uns erwartet.
Überrascht und sehr eigenartig berührt hat mich der Vortrag der Hauptschullehrerin, die solcher Art Reklame für ihre Anstalt machte, als könne es Eltern geben, die ihre Kinder da gern hinschicken wollten. Grundlagen für’s Leben vermittle die Hauptschule, vor allem Sinn für Ordnung…
Für vertiefte Grundlagen sei die Realschule zuständig. Und sie würden nicht jeden nehmen, betonte ihr Abgesandter.
Na toll, dachte ich.
Völlig souverän und großväterlich die beiden Gymnasial-Direktoren, vom Podium oben mit brummenden Bässen betonend, wie erfreulich für sie der ganz neue Umgang mit Fünftklässlern sei, dessen sie sich seit diesem Schuljahr erfreuen dürften. Es klang ein wenig, als würden sie die Kleinen in ihren großen Pausen einen nach dem Andern zum Nachtisch verspeisen, gemeinsam…
Nein, sie klangen aber nett, vertrauenswürdig, sonor, bildungsbürgerlich tugendhaft, mit natürlicher Autorität reichhaltig ausgestattet und besorgt um das Wohl unserer Kinder, die nun in 12 Jahren schaffen müssen, wofür sie, die Herren Direktoren, und viele von uns, dem geneigten Publikum, sich noch 13 Jahre Zeit lassen durften.
Konkret: gleich 29 Wochenstunden für die Fünftklässler, was dann bis zur 8. Klasse auf 34 Stunden ausgeweitet wird. Plus reichlich Hausaufgaben. Und das bei Soll-Klassenstärken von 32 Kindern.
Klingt doch toll, oder? Da ist doch nun offenkundig Schluß mit lustig. Eine noch geeignetere Maßnahme, unsern Bildungsstandard pisamäßig aufzubessern, hätten die KultusministerInnen kaum erfinden können…!
Fast schon zu nett hingegen klang, was die Gesamtschulvertreter vorstellten: 13 Jahre Zeit bis zum Abi weiterhin, Konzept Schule in der Schule, also Klassenverband von der 5. bis zum Abitur, kleiner LehrerInnenkreis, der ebenso durchgezogen wird – und integrierender Unterricht für alle “Leistungsstufen” wenigstens bis zur 8., in der IGS sogar bis zur 10 Klasse.
Von sowas hätte ich geträumt als Schüler, wenn man es mir erlaubt hätte.
Die Gesamtschulen verteilen ihre Plätze per Losverfahren, die andern Schulen “nehmen jeden auf, der sich anmeldet.” Mehr muß man doch gar nicht dazu sagen, oder?

Aber vielleicht ist die Idee einer integrativen Gesellschaft auch einfach vorgestrig inzwischen, weil viel zu progressiv. Sie birgt doch einfach die Gefahr, daß mündigere BürgerInnen aus ihr hervorgehen als aus der rein leistungsorientierten, elitär selektiven Gesellschaft preußischer Prägung. Was sollen wir mit mündigen BürgerInnen in einer Welt, die außer Wirtschaftswachstum und steigenden Aktienkursen durch globale Ressourcenvernichtung keine Visionen zuläßt?

Erster Schnee


Letzte Nacht gingen die reichhaltigen Niederschläge irgendwann in Schneefall über und ließen mengenmäßig kein bißchen nach. Eine Viertelstunde vorm Wecken schon hörte ich die Kinder in ihren Zimmern rumhopsen und begeisterte Schnee-Rufe ausstoßen. War das eine gute Laune beim Frühstück! Als sei der Whynachzmann schon verfrüht eingetroffen.

Draußen lagen dann überall tatsächlich gut 5cm Schnee, in schwer geklutschter Form. So schwer, daß es so manchen dicken Ast dahingerafft hat. Auf den Straßen das übliche Chaos – jedes Jahr dasselbe. Mit dem Fahrrad echt nicht mehr lustig, zwischen den KlutschRillen, den riesigen schwarzen Lachen und den gnadenlos durchbrezelnden Autos, vor allem Taxen, die Balance und die Contenance zu wahren.

  • Beitrags-Kategorie:Allgemein

Mein Freund der Baum


ist tot.

… ein Chanson von Alexandra.
Dieser Baum hier links im Bild (aufgenommen genau vor einem Jahr) existiert auch nicht mehr. Er ist letzten Winter gefällt worden.

  • Beitrags-Kategorie:Allgemein
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Bahnfahrn nur noch allein

War ja klar, daß es über kurz oder lang nicht mehr erwünscht sein würde, daß Leute sich zu Gruppen zusammen finden um gemeinsam Bahn zu fahren. Ist ja fast wie Wohngemeinschaften: Bahnfahrgemeinschaften. Spontan gebildet am Schalter womöglich.
Damit ist nun endlich Schluß. Der Mitfahrerrabatt wird gestrichen, nämlich.
Wenn mehr als einer fährt, dann gefälligst im Auto. Sonst werden die Züge eh zu voll. Und zu dreckig. Schließlich machen mehr Mitfahrer auch mehr Dreck. Und stellen dann womöglich auch noch mehr Ansprüche. Von wegen Entschädigung bei Verspätung und so.
Nee nee, da ist es schon wesentlich sinnvoller, das Bahnfahren nun doch wieder so unattraktiv zu machen, daß die Bahn selber sauber bleibt.
Also Herr Mehdorn, wie gehabt: weiter so! Augen zu und durch. Sie schaffen das.

  • Beitrags-Kategorie:Allgemein
  • Beitrags-Kommentare:3 Kommentare