is there anybody out there ?

Erzählung 1 von Frau kopfherz
sie sprang mit dem ersten kreischton des weckers auf. dunkel draußen und regnerisch. der faulpelz in ihr versuchte ihr die aktion auszureden. dunkel! nass! aber sie hatte es sich vorgenommen. also zog sie sich die abends bereit gelegten laufklamotten an. steckte die beiden schlüssel in die tasche.
sie lief in die feuchte dunkle welt. der regen hörte gerade auf. schon nach 50 m spürte sie ihre beine und ihre lunge. autos zogen an ihr vorbei – jetzt nur keine schwäche zeigen. nach 300 m musste sie das erste mal keuchend stehen bleiben. zwang sich zum weiter gehen. kaltes licht schien auf ihr zerzaustes haar, ihr vor anstrengung rotes gesicht. sie zwang sich zum weiter gehen, weiter laufen.
immer, wenn sie nicht mehr konnte, trieb sie sich noch ein stück weiter: nur noch bis zur nächsten laterne, zum nächsten haus, zum überweg.
nach 1,5 km drehte sie um. zwang sich das letzte stück, stolperte, stützte sich am geparkten auto ab. sah die kleinen seen auf der motorhaube. los, nur noch bis zur nächsten laterne, die so hell und einladend und so nah scheint.

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September-Ausklang

Ungewohnt hell war es heute Morgen, zuerst durch den Mond, der (voll?) nur gelegentlich von Wolkenfetzen bedeckt meinen Weg mit hellen Flecken und noch mehr Schatten pflasterte, bald darauf ein großes Wolkenloch, durch das mich die Venus anstrahlte, obwohl schon fast die Sonne aufging.
Das fanden wohl auch die Vögel ungewöhnlich. Reichlich Amseln tixten laut und sehr melodisch in den Hecken, eine sang sogar richtig, wenn auch mit eigenartig verkatert wirkender Stimme. Und während ich nach dem Lauf meine Glieder streckte, rief eine Kohlmeise laut und deutlich Zizibäh. Das war schön, der Morgen bekam dadurch so etwas aus der Zeit gerissenes. Einem Versprechen gleich, mitten auf dem Weg in die Dunkelheit: daß dahinter auch schon wieder das Licht zu erahnen ist.

Die letzte Gallierin

Unvermutet kommt der Lünemann-Abriß ins Stocken. Die Bewohnerin des letzten nicht verkauften Hauses hat per einstweiliger Verfügung eine Unterbrechung der Arbeiten bewirkt.
Nicht nur wegen ohrenbetäubendem Lärm mit schwersten Erschütterungen ihrer Hauswand ohne jede Sicherheitsvorkehrungen, sondern auch, weil die Südwand ihres Hauses schwer beschädigt und an zwei Stellen durchbrochen wurde.
Das muß man sich mal vorstellen. Um einen herum wird ein ganzes Karree an Häusern abgerissen und das eigene, das man bis dahin vermutlich schon nur unter Aufbieten letzter Energien hat verteidigen können, wird nebenbei aus Versehen so beschädigt, daß man da eigentlich nur von fachgerechter Entwohnung sprechen kann.
Immerhin: jetzt ist Ruhe eingekehrt. Die letzte Göttinger Gallierin leistet tapfer Widerstand.

Ein ganzer Mensch

Die Vergangenheit ist ja nicht etwas, was man einfach nur zu bewältigen hätte.
Ich fahre mit dem Zug quer durch’s Land. Im Ohr radiohead und smashing pumpkins und Avril Lavigne. Im Herzen einen großen Schwall frischer, junger Gefühle und ganz vieler alter, keinesfalls abgenutzter, aber schon ein wenig angestaubter. Wo die alle herkommen! Jugendliche Verliebtheiten, Familientragödien, kleine Erfolge und große Niederlagen, Hochs und Tiefs wie die am Fenster vorbeiziehenden Täler und Wälder, schnellen ICEs und stillgelegten / verfallenden Güterbahnhöfe.
Zu Besuch bei einer gaaanz alten Freundin. Das setzt so einiges in Bewegung.
Vor allem diese Erkenntnis, daß es zur Selbstliebe gehört, die eigene Vergangenheit, auch all das, was früher scheußlich war und so gänzlich mißlungen ist, als eigene anzunehmen und sich aktiv dran zu erinnern, sie aufzunehmen und anzunehmen.
Das tut so gut.
Und (diese) Musik ist ein höchst geeigneter Katalysator.

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Künstliche Sonne


Nicht nur, daß es wieder dunkel wird, jeden Tag ein kleines Stück, nun war’s das auch wieder mit der Sonne.
Bleibt nur so’ne Institution hier?! Nee, ne?!

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Dienst-Übergabe

In jedem Beruf, wo verantwortlich mit Menschen gearbeitet wird, gibt es vom Nachtdienst zum Frühdienst eine Übergabe. Oder vom Frühdienst zum Spätdienst. Man übergibt Ereignisse der vergangenen Schicht, damit die nächste weiß, was schon erledigt ist, worauf sie achten muß usw.
In der Familie muß es gar zu oft einfach so gehen: improvisiert, spontan, unorganisiert, chaotisch. Weil keine Zeit für eine Übergabe vorhanden ist, der Nachtdienst später nach Hause kommt als der Frühdienst geht. Im Vakuum zwischendrin müssen die Kinder versorgt werden.
Kein Wunder eigentlich, wenn sie dabei zu zicken beginnen. Sich sperren, verzögern, verweigern, nach dem jeweils abwesenden Elternteil verlangen oder alles vergessen, was sie sonst immer wissen.
Und der Papa? Der ist der blödeste überhaupt: macht die falsche Herdplatte an, um die Milch anzuwärmen. Was passiert: die schöne große Käsedose verschmurgelt. Natürlich hat die nichts auf dem Herd zu suchen. Eigentlich. Passiert trotzdem.
Und eigentlich hatte die Mama dem Papa aufgetragen, den großen Kindern zu sagen, daß sie mittags von der Schule gleich zur Kinderfrau gehen sollen, zum Mittagessen. Und was vergißt der Papa? Genau das. Als er Nummer Drei im Kindergarten abliefert, heulend, klammernd, durchgefroren, weil sie unbedingt keine warme Jacke auf dem Fahrrad anziehen wollte, da fällt es ihm wieder ein.
Und so wird die Übergabe per Handy abgewickelt. Übergabe der diversen Hiobsbotschaften halt. Alltag. Nix besonderes.

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Abend in Geismar


Schon heute Morgen war das Wetter einfach bezaubernd. Ich lief in kleine Frühnebelfelder hinein, die vom Schein grüngelb leuchtender Lampen zerteilt um mich rum waberten. Im Zenit über mir die Mondsichel, hinter mir Jupiter oder Venus, ein hell strahlender Planet jedenfalls, daneben ein paar zartrosa illuminierte Wölkchen, sehr laue wohlriechende Luft, das Laufen eine reine Lust.
Und so ging das weiter.
Eben gerade nun eine kurze Fahrt durchs Dorf, am Himmel rosa Zirren, die so intensiv leuchten, daß alle Häuser, sogar teilweise die Straßenoberfläche rosa glühen. Ein seltenes und auf Grund der unwirklichen Stimmung, die es erzeugt, völlig bezauberndes Phänomen. Es ging natürlich schneller wieder als ich mit meiner Kamera hinterher kam.

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Motorsägen vorm Rathaus

Endlich darf die Stadt mal wieder Bäume fällen. Nach so langer (erzwungener) Enthaltsamkeit. Und weil’s so schön ist, gleich erstmal direkt vorm Rathaus: 5 Platanen platt machen.
Denn die Baustelle Geismartor ist ja nun schon bald ein Jahr fertig, höchste Zeit also etwas neues anzufangen, die Einmündung der Geismarlandstraße ins Geismartor nämlich endlich verkehrsgerecht ausbauen. Vor Monaten schon begann man mittels gelber Striche auf der Fahrbahn, eine neue Vorfahrtregelung zu testen und befand die Tests dann auch rasch für erfolgreich.
Wenn die Platanen erst mal weg sind, wird man auch endlich wieder richtig den Anblick des Rathauses genießen können, dieses Paradebeispiels für 70er-Jahre-Architektur und Beton-Denken.