27. November 2006

Vorglühen


Es will nicht kalt werden. Die Dunkelheit aber schreitet voran. Wie ihr zum Trotz glüht der Himmel fleißig abends und morgens, singen hier Rotkehlchen, Stare und hin und wieder sogar ein paar Amseln.

Baumkult

Ja, genau: Baumkult. Manchmal bin ich sehr ernsthaft am Überlegen, einem solchen entweder beizutreten oder einen zu gründen.
Es nahm erste radikalere Formen an, als ein Nachbar starb, der in seinem Garten noch mit weit über 80 eine stattliche Anzahl Apfelbäume jahraus-jahrein liebevoll mit der Nagelschere gepflegt hatte. Das war einer der schönsten Obstgärten im Lande. Und kaum war er tot, hatte sein Sohn nichts besseres zu tun, als all diese wunderschönen Obstbäume in einer Nacht- und Nebelaktion abzuholzen, genauer gesagt: abholzen zu lassen.
Den ganzen Garten machte er platt, ließ ihn quasi planieren, Rasen säen und ringsum Friedhofskoniferen pflanzen.
Alle Anwohner waren fertig mit den Nerven. Und wir ganz besonders, weil dieser Garten war das, was wir von unserm Fenster aus direkt sahen (und noch immer, nur jetzt nicht mehr gern: sehen!).
Neuerdings haben wir einen neuen Nachbarn, der sich einen anderen Garten unter den Nagel gerissen hat, auch mit einem wunderschönen Baumbestand und Hecken, Beeten, alles nett unübersichtlich und spielgerecht und zum verwunschenen Träumen geeignet.
Und was macht dieser Berserker als erstes: läßt einen riesigen, wunderschön gewachsenen Walnußbaum fällen. Und paar kleinere Bäume und Hecken gleich mit. Und pflanzt stattdessen Koniferen! Ein weiteres Desaster bahnt sich an.
Von all den zich und aberzich Pappeln, die the Göttinger Grünflächenholzer in den letzten Jahren hat abholzen lassen, berichteten wir seinerzeit zur Genüge.

So langsam, denkt man, ist das Maß voll.
Man sucht Zuflucht im Wald, spaziert unter Eichen und denkt, hier ist es schön. Hier will ich sein.
Wenn es hier also demnächst stille werden sollte, wissen Sie, wo Sie mich suchen können.

25. November 2006

Tunnel der deutschen Einheit


Der letzte Abschnitt der heftig umstrittenen Autobahn von Halle nach Friedland (A 38) steht kurz vor der Fertigstellung. Heute ist Tag der Offenen Tür im Heidkopftunnel, der über 1700 Meter Länge die beiden deutschen Hälften miteinander verbinden soll.
Wir wagen den Einstieg auf westlicher Seite. Zwischen wahren Massen an Leuten, darunter auch jede Menge Radfahrer und größere Abordnungen der Stöckerinnenfraktion (die hier benefiz-mäßig walken) bahnen wir uns den Weg durch Gelblicht und trübe Luft. Ich finde das in jeder Hinsicht gruselig. Seit ich durch den Gotthardt-Tunnel in der Schweiz gefahren bin, habe ich zu unterirdischen Röhren kein unbeschwertes Verhältnis mehr. Ich schreite hurtig aus und in der übrigen zeit knipse ich mein Unbehagen so gut es geht weg.

Heute wird der Tunnel weitgehend abgasfrei und mit so moderater Geschwindigkeit durchquert, daß Lebensgefahr nicht erkennbar ist. Das gesame Projekt Autobahn und sicher auch besonders dieser Tunnel wird aber bestimmt spätestens zur Lebensgefahr, wenn der Autoverkehr hier entlang rast.
Hinzu kommt, daß ein riesiges Stück wunderschöner Landschaft zwischen Südniedersachen, Nordhessen und Nord-Thüringen zerschnitten und zerstört ist. Die Lebensqualität für all die Menschen, die entlang der Strecke wohnen, ist nachhaltig schwer beeinträchtigt.
Aber wen juckt’s? Wenn wir da bald mit 130 über die Piste heizen, interessiert uns das nicht mehr. Dann geht es nur noch um das Vermeiden des nächsten Staus und die Umgehung des nächsten bösen Flitzerblitzers. Verkehr tötet, mag sein. Vor allem aber gilt: Verkehr ist geil.

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