5. Oktober 2004

Am Kiessee

Wie im Frühling

heute Morgen, warme, seidige wohlriechende Luft, schon eine Lust nur aufzustehen, trotz wie gewohnt zu knapp bemessener Schlafportion. Kopf raus aus dem geöffneten Fenster, Blick hinunter ins Tal, tief einatmen: lecker!
Statt daß ich kind3 wie sonst fast immer unter Zeter und Mordio nur gewaltsam aus dem Bett bekomme, steht sie von selbst allein als erste auf, gut gelaunt, fragt nur einmal (1 mal!) nach Mama, läßt sich anziehen und weckt ihre großen Geschwister.
Konzentriertes, harmonisches Frühstück. Alle gut aufeinander eingespielt. Als seien wir gerade aus einem Familientrainingslager zurückgekehrt.
Auf der Fahrt in den Kindergarten, in die aufgehende Sonne hinein, erzählt sie munter pausenlos lustige Sachen, sprüht vor guter Laune, weist mich auf die roten Blätter am Traumhaus hin, an dem wir immer vorbei fahren und sagt: guck mal Papi, bald ist Herbst!
Am Kiessee stinkt es immer noch nach toten Fischen. Vor inzwischen Wochen hat es einen Unfall in der Leine gegeben… tausende Fische mußten ihr Leben lassen und werden seitdem mühselig aus dem Wasser geklaubt und – ja, was poassiert eigentlich mit denen?
Es stinkt schaurig. kind3 fragt vorsichtig, ob es am Kindergarten wohl auch noch stinkt. Nein, beruhige ich sie. Das ist so weit weg, da riecht es gut. Zum Beispiel nach “reifen Blättern”. Wenn die vom Baum fallen, sind sie reif, doch oder? fragt sie mit großen Augen.
Ja, sage ich, genau. Faszniert von diesem Gedanken und dem Geruch der reifen Blätter, den ich liebe wie nur was. Ein ganzer Kosmos von Erinnerungen breitet sich in Zehntelsekunden in meinem Kopf und in der Brust aus, beim Schnuppern.
Wie im Frühling?
Es ist Herbst, mit einer Intensität, die ich früher so nicht kannte, nur dem Frühling zugestanden habe. Die Wahrnehmung wird feinfühliger, immer umfassender – und das Genießen auch.

1. Oktober 2004

Erinnern Sie sich

noch an Francois Truffaut? Großer französischer Regisseur, gestorben 1984, sozusagen vor 20 Jahren. Berühmt geworden mit Filmen wie Jules und Jim mit Oskar Werner und Jeanne Moreau, Fahrenheit 451 mit Julie Christie und Oskar Werner, Auf Liebe und Tod mit Fanny Ardant und Jean-Louis Trintignant, Die Frau von nebenan mit Gérard Dépardieu und Fanny Ardant oder Die amerikanische Nacht weiß nicht mehr mit wem außer mit Jean Pierre Léaud.
 

All diese Filme bedeuteten mir damals sehr viel. Sie prägten meine Jugend, gewissermaßen.
Am intensivsten im Gefühl, immer zitierbereit und sozusagen komplett lebendig in meiner Erinnerung ist die Serie mit Filmen über Antoine Doinel für mich geblieben: Sie küßten und sie schlugen ihn, Geraubte Küsse, Tisch und Bett – eine Serie wie das Leben selbst: liebenswert, äußerst liebenswert, tragisch, komisch und sehr spontan.
Heute gibt es auf Arte um 22:15 Uhr einen Themenabend zu Truffaut.

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